Bushido

Weit weg von gut oder böse

Noch einmal steht er auf der Bühne, mittendrin in seiner alten Welt. Er bellt, das Leben sei kein Wunschkonzert. Aus seinen Liedern grüßt wieder das Ghetto mit den Schlampen. Früher war Bushido unterwegs in Gegenden wie dem Neuköllner Hermannplatz, zwischen der Hasenheide mit den Haschischhändlern und den Läden mit den Wasserpfeifen.

Anis Mohamed Ferchichi hieß er. Er wuchs ohne Vater auf, einen Tunesier. Seine deutsche Mutter sieht ihm heute stolz im Huxley's bei der Arbeit zu. Bushido stellt sie vor und winkt wie bei der Abreise ins Ferienlager. Auf seinem T-Shirt steht: "IT'S GOOD TO BE THE KING".

Schon in "Bushido", seinen Memoiren, brachte er zum Ausdruck, dass er seiner Rolle und des Rappens überdrüssig sei. Er zog nach Zehlendorf in ein geräumiges Eigenheim und handelte mit Immobilien. Sein Neuköllner Gastspiel ist noch keine Stunde alt, als er nach Frauen sucht, die ihn vertreten möchten. Jenny heißt eine Bürokauffrau aus Luckenwalde, sie erklimmt die Bühne und ergreift das Mikrofon. Sie möchte allerdings nicht singen, sondern nur ein Foto mit Bushido. Auf die muntere Jenny folgt die ernsthafte Irina, die aus Cottbus angereist ist und ein Volkslied singt, auf Russisch. Resigniert versucht Bushido sie zu demütigen, als wäre er kein Musiker mehr sondern ein Musikrichter wie Dieter Bohlen. "Alle Hände gehen nach oben, meine Damen und Herren", befiehlt er und rappt selber weiter: "Ich hab Style und das Geld", skandiert er, unterstützt von Kay One, einem jüngeren Künstler, der in rotem Leder auftritt und mit Sonnenbrille. Der begabter sein mag aber nie berühmter sein wird als Bushido, der Skandal-Rapper.

Wobei Bushidos Leben und sein Werk niemals so skandalös erschienen, dass er sich den Menschen nicht vermitteln ließ. "Berlin wird wieder hart, denn wir verkloppen jede Schwuchtel", rief er anfangs. Restlos ernst nahmen ihn nur Politiker und Lehrer, die den HipHop in ihrer Bereitschaft zur Empörung wörtlich auslegten. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien half Bushido beim Berufseinstieg. Er hatte es nie schwer: In Talkshows wies er auf den Hauptschulalltag hin. Er war kein leuchtender Lyriker, kein geschmeidiger Rapper. Er sah offenherzig in die Kameras und sprach in vollständigen Sätzen wie ein Arbeitsmarktexperte von der FDP. Es ging um Fleiß und Aufstiegswillen, Selbstverantwortung und Mut zum Status. Seine darwinistische Verwünschungspoesie galt nur als künstlerische Übertreibung. Wenn Bushido Ärger drohte, war die Neidkultur an allem schuld. Wenn Polizisten ihn mit Strafzetteln behelligten und sich dafür nicht gern beleidigen ließen. Wenn ihn kaum bekannte Musiker verklagten, weil er seine Raps mit ihren Stücken unterlegte.

Mit den Jahren und Skandalen wurde er vom Fehler im System zu einer Stütze des Systems. Er warnte die Gesellschaft vor sich selbst als "Staatsfeind Nr.1" und kam im deutschen Unterhaltungsadel an. Im ZDF rappte Claus Kleber in den Nachrichten: "Bushido lacht sich krank auf seinem Weg zur Bank". Und Reinhold Beckmann sprach ihn in der ARD als Herr Bushido an. Der revanchierte sich in seinem Buch: "Wo sind denn in unserer Gesellschaft die ursprünglichen Werte hin? Weg. Verschwunden. So etwas kann ich nicht akzeptieren." Wohlstand sollte wieder anständig gewürdigt werden, Mütter sollten Heilige sein. Bushido findet keine Ruhe mehr. Sobald ein Rütli-Schüler auffällt oder Sarrazin ein Buch schreibt, rappt er wieder. Ratlos kratzt er sich im Schritt, wenn er die frühen Reime aufsagt. "Jenseits von gut und böse" heißt sein aktuelles Album, die Stücke klingen wie Bestandsaufnahmen: Er hat es geschafft, er sollte nicht mehr hier sein. Im Halteverbot vor der Halle parkt sein schwarzer Mercedes AMG. Ein Auto, das sich niemand leisten könnte, der sein Taschengeld in Tonträger und Tickets von Bushido steckt.