Fotografie

Das Auge des träumenden Flaneurs

Er gilt als der Poet unter den Avantgarde-Fotografen des 20. Jahrhunderts. Etliche seiner Bilder sind Ikonen der Bildgeschichte, die schon früh seinen Ruf als einem der wichtigsten Fotografen der Moderne begründeten.

Berühmte Fotografen seiner Zeit wie Brassaï oder Henri Cartier-Bresson und Robert Capa bewunderten sein Werk und ließen sich von ihm inspirieren. Umso erstaunlicher ist es, dass erst jetzt eine umfassende Retrospektive das Schaffen von André Kertész würdigt. Mit über 300 Arbeiten von den Anfängen in Ungarn bis zum Spätwerk in New York - viele davon Vintage Prints oder vom Künstler autorisierte Abzüge - dokumentiert die von den Kuratoren Michel Frizot und Anne-Laure Wanaverbecq auf Initiative des Pariser Museums Jeu de Paume konzipierte Ausstellung. Unter dem Titel "André Kertész - Fotografien" ist das eigenwillige Werke des Fotografen jetzt im Martin-Gropius-Bau zu sehen. Die chronologisch und thematisch aufgebaute Retrospektive ist nicht nur eine Weltpremiere in Deutschland, sondern erlaubt auch Einblicke in bisher weniger bekannte Phasen im Schaffen des Künstlers: die frühen Jahre in Ungarn, die 50 Jahre in New York und die Einbettung von Kertészs Bildern in Publikationszusammenhänge solcher Magazine wie "VU".

Die Avantgarde in Paris

Am 2. Juli 1894 in Budapest als Andor Kertész in einer bürgerlich-jüdischen Familie geboren, träumte er schon als Kind vom Fotografieren. Als eines der ersten Bilder gilt das Foto "Schlafender Junge" von 1912. Auf einen Tisch gestützt, schlummert ein Junge sitzend in einer Kammer, sein Ellbogen und die Zeitungen an der Wand dahinter bilden Diagonalen, welche die Bildkompositionen beherrschen. Ein zweites Bild aus dieser frühen Phase ist der legendäre "Schwimmer unter Wasser" (1917). Es zeigt eine männliche Figur im Wasser, die eine Diagonale bildend das Bild durchquert; das Wasser bricht sich mit Lichtreflexen und Wellenlinien in entgegen gesetzter Richtung am Körper. Alles wirkt leicht verzerrt, ein raffiniertes Spiel aus Licht und Schatten, Verzerrung und formaler Komposition. Viele dieser Elemente wird Kertész im Verlauf seines Lebens variieren, vertiefen und abwandeln. Thematisch interessieren ihn in dieser Zeit der Alltag, das ländliche Leben, Straßenszenen in Budapest sowie spielerische Motive mit seinem jüngeren Bruder Jenö in unterschiedlichen Verkleidungen als Satyr, Scherzo und Ikarus. Ab 1914, als Kertész an die Front eingezogen wird, kommen Bilder vom Leben der Soldaten hinzu. In vielen der winzig kleinen Vintageabzüge lässt sich bereits die große Sensibilität des Fotografen erkennen.

1925 entschließt sich Kertész, nach Paris zu gehen, wo er Kontakte zu Piet Mondrian, Fernand Léger, Ossip Zadkine und Alexander Calder, der Avantgarde am Montparnasse, knüpft. Aus dieser Zeit stammen zahlreiche Porträt- und Atelieraufnahmen. Mit dem Auge des Flaneurs, der das Abseitige sucht - Straßenszenen, Parks, Dächer, Schaufensterauslagen - schafft er unvergessliche Stimmungsbilder der Metropole. Kertész verstand seine Bilder als "visuelles Tagesbuch", die Fotografie war ein wesentlicher Bestandteil seiner Existenz: "Für mich ist die Kamera ein Werkzeug, mit dem ich mein Leben ausdrücke und beschreibe ...". Dabei ging es ihm nie ums reine Abbilden: "Ich dokumentiere nie, ich interpretiere immer mit meinen Bildern[...], was ich in einem bestimmten Augenblick empfinde, nicht was ich sehe, sondern was ich fühle."

Das bildnerische Alphabet für dieses Gefühl bestand aus Nah- und Vogelperspektiven, dem Blick für geometrische Strukturen im Raum, die Faszination von Schatten, Reflexionen und Silhouetten - und begründete seinen Erfolg. 1927 zeigte die Galerie Au Sacre du Printemps seine Werke in einer ersten Einzelausstellung, 1929 nahm er an der internationalen Ausstellung Film und Foto in Stuttgart teil, die auch im Lichthof des Berliner Martin-Gropius-Baus gezeigt wurde.

Einem Angebot der Keystone Agentur folgend, siedelt er 1936 nach New York über und verlebt dort eine schwierige Zeit. Der berufliche Erfolg will sich nicht einstellen, existenzielle Probleme bestimmen den Alltag. Erst als er der Berufsfotografie den Rücken kehrt und 1963 auf einer Reise nach Frankreich einen Großteil seiner Negative wiederentdeckt, lässt er sich aufs Neue inspirieren und erhält auch internationale Anerkennung. 1964 stellt er im Museum of Modern Art aus. Seine New-York-Bilder zeigen Kertész weiterhin als genialen Formalisten. In Schornsteinen, Industriebrachen, auch Straßenszenen aller Art findet er seine Sujets.

Martin-Gropius-Bau , Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg. Tel. 25 48 60. Mi-Mo 10-20 Uhr. Bis 11. September. Katalog: 25 Euro.