Literatur

Der Salon lebt wieder auf: Schriftsteller lesen in Wohnungen

Stephanie Jansen wohnt in der Bastianstraße 2, im tiefsten Wedding. Der Besucher, der am U-Bahnhof Pankstraße aussteigt, macht auf dem Weg zu ihr die interessante Beobachtung, dass er als einziger weder Migrant noch tätowiert ist und auch keine Baseballkappe trägt.

Stephanie Jansen ist ein ebensolcher Exot und sagt, dass sie die Abwechselung brauche; als Leiterin der Phorms-Schule in Mitte, der Privatschule, habe sie tagsüber genügend privilegierte Menschen um sich. In dieser eher literaturfernen Umgebung nun wird es am Samstagabend zu einer Lesung der ungewöhnlichen Art kommen. Die Schriftstellerin Katharina Born wird vor rund 40 Menschen aus ihrem Buch "Schlechte Gesellschaft" lesen.

Das Ganze findet im Rahmen der "Literatur in den Häusern der Stadt" fand. Die Idee stammt aus Köln, wo in diesen Tagen zum elften Mal Schriftsteller und Schauspieler in privaten Wohnungen lesen. "Die Familie" lautet das Motto in Berlin und den Veranstaltern ist der nicht ganz einfache Spagat gelungen, Vorleser zu finden, die sowohl prominent wie auch kontaktfreudig (sprich: nicht verhaltensauffällig) sind. Die Nachfrage ist groß, aber für die meisten Lesungen gibt es noch Karten.

Peter Wawerzinek ist zu beobachten, der aus seinem deprimierenden und herzzerreißenden Buch "Rabenliebe" - einer Kindheit ohne Mutter, die in den Westen flüchtet - liest. Moritz Rinke trägt am Sonntag aus "Der Mann, der durch das Jahrhundert flog" vor, eher klassisch am Prenzlauer Berg, während John von Düffel sich heute nach Spandau-City aufmacht und "Eine Hommage an die Familie" machen wird; Ort ist Innenhof einer Bestattungsfirma. Und auch Schauspieler werden Texte vortragen. Anna Thalbach wird aus Janet Fitch lesen (im Teehaus im englischen Garten), Maria Schrader aus Siri Huvstedts Roman "Der Sommer ohne Männer" und Ulrich Matthes liest "Freiheit", den Bestseller von Jonathan Franzen, was mit Sicherheit ein Ereignis wird, wenn man sich daran erinnert, wie großartig er im Februar im Deutschen Theater Thomas Bernhard vorgelesen hat.

Besonders für den Besucher ist natürlich, in einer recht intimen Atmosphäre einem Künstler so nah zu sein und einfach ein Bild von ihm zu bekommen. Für den Gastgeber erscheint das Vorhaben etwas heikler. In einem alten Woody-Allen-Film gibt es diese schöne Szene, als Allen sein Date erwartet und panisch überlegt, welches Buch er aufgeschlagen lassen sollte, welche Plattehülle scheinbar achtlos herumliegen sollte. Stefanie Jansen will ihre Wohnung nicht sonderlich herrichten; sie habe kaum Zeit dafür, denn am Samstag habe ihre Schule noch eine Veranstaltung und sie werde gerade noch genug Zeit finden, den Wein zu öffnen. Ihre Wohnung ist hell, mit Parkett, der typische Altbauschick, allerdings mit sehr neuen Einrichtungsgegenständen. 40 Menschen passen wohl rein, wenn sich einige auf den Flokati setzen.

Dass fremde Menschen ihre Wohnung wie bei einer feindlichen Übernahme kapern, fürchtet sie nicht. Aus ihrer Kindheit sei sie gewohnt, dass Künstler und Musiker ins Haus kommen, später wohnte sie in Wohngemeinschaften und in Japan in einem Wohnheim, in dem sie das einzige Zimmer mit Fernsehempfang hatte und so an ein ständiges Kommen und Gehen gewohnt ist. Außerdem kommen ja nicht nur Fremde, die Hälfte des Kartenkontingents konnte sie für Freunde reservieren. Verärgerte Nachbarn sind nicht zu befürchten. Sie wohnt im ersten Stock, unter ihr befindet sich ein türkisches Wettbüro. Und das hat sich noch nie beschwert.

Programm und Preise im Internet unter http://www.kunstsalon.de/literatur-in-den-haeusern-der-stadt/berlin

Die Veranstalter haben Vorleser gefunden, die prominent und kontaktfreudig sind