Interview mit Peter Rieger

"Allein der Aufbau dauerte zwei Monate"

Heute und morgen wird Roger Waters wieder eine Mauer in Berlin errichten. Der Pink-Floyd-Gründer führt noch einmal "The Wall" auf, seine Rockoper von 1979. Am 21. Juli 1990 hatte Waters das pompöse Singspiel als historisches Ereignis inszeniert.

Am Potsdamer Platz, zwischen den Überresten der Berliner Mauer, stand die 170 Meter breite Bühne mit der Styroporwand. Fernsehsender übertrugen das Konzert weltweit. Vor Ort kam es zu tumultartigen Szenen und danach zu allerlei Legenden. Peter Rieger war dabei, er hat "The Wall" damals organisiert. Mit dem 58-jährigen Kölner sprach Michael Pilz.

Berliner Morgenpost: Ursprünglich war "The Wall" 1990 als Großkonzert am Grand Canyon geplant oder auf dem Roten Platz. Wie kam es nach Berlin?

Peter Rieger: Sehen Sie, das sind so die Geschichten. Roger Waters hat immer erklärt: Wenn die Berliner Mauer fallen sollte, führe er "The Wall" noch einmal in Berlin auf.

Berliner Morgenpost: Und Sie haben ihn damals daran erinnert?

Peter Rieger: Nein, er ließ mich ansprechen. Ich hatte 1987 das "Concert for Berlin" veranstaltet auf der Westseite des Brandenburger Tors. Im Osten war die Stasi gegen Zuhörer an der Mauer vorgegangen. 1988 hatte ich dann das "Konzert für den Frieden" im Osten Berlins organisiert mit James Brown und Joe Cocker. Da lag es nahe, 1990 im Berliner Niemandsland "The Wall" aufzuführen. Es wurde gigantisch.

Berliner Morgenpost: Wie lange dauerte der Aufbau?

Peter Rieger: Wenn ich mich recht entsinne, fast zwei Monate. Auf dem Gelände des Potsdamer Platzes gab es damals noch ungeöffnete Bunker, in denen benutzte Aschenbecher und halb geleerte Weinflaschen aus dem Krieg gefunden wurden.

Berliner Morgenpost: Die Bühne sollte auf dem Todesstreifen stehen.

Peter Rieger: Der war vorher gründlich abgesucht worden. Dafür erhielten wir eine Bombendrohung. Das war abenteuerlich genug: Berlin stand ja immer noch unter alliiertem Kommando, die Bühne war 170 Meter breit, und die Engländer haben sofort den Abschnitt abgesucht, für den sie zuständig waren. Die Russen für die andere Bühnenhälfte kamen erst nach drei Stunden.

Berliner Morgenpost: Hat sich jemand zur Bombendrohung bekannt? Es gab damals durchaus Unmut unter den östlichen Anwohnern über die von Ihnen errichteten, streng bewachten, grenzähnlichen Absperrzäune.

Peter Rieger: Bekannt hat sich niemand. Wir hatten aber am Abend des Konzerts Probleme mit Kreuzberger Autonomen, die an den Eingängen randaliert haben. Mannschaftswagen der Polizei wurden umgeworfen, Zäune beschädigt. Wir hatten nur 1100 Ordner. Heute würde ich sagen: Sicherheitstechnisch war es unverantwortlich.

Berliner Morgenpost: "The Wall" handelt von einem Jungen namens Pink, der um sich eine Mauer errichtet, um sich gegen die Zumutungen des Lebens zu schützen. Plötzlich war "The Wall" ein Stück Musik von welthistorischer Symbolkraft. Konnten Sie das nachvollziehen?

Peter Rieger: Definitiv. Natürlich hat Pink sich seine Mauer selbst gebaut, und den DDR-Bürgern wurde sie vor die Nase gestellt. Aber auch Walter Ulbricht und Erich Honecker hatten sich eingemauert, um sich vor der Selbstzerstörung ihrer kleinen Welt zu schützen.

Berliner Morgenpost: Wie viele Karten wurden verkauft?

Peter Rieger: Verkauft hatten wir ungefähr 220 000 Karten. Aber wir hatten, nach meiner Schätzung, 100 000 bis 150 000 Leute ohne Karten, die am Einlass teilweise noch vor den zahlenden Besuchern standen. Irgendwann haben wir kapituliert und alle eingelassen. Eine solche Masse ist nicht mehr zu kontrollieren auf so einem Feld mit einer solchen Bühne, mit riesigen Figuren, zwei Aufzügen und den Scorpions, die mit Motorrädern auf die Bühne fuhren und anderen Stars in Stretch-Limousinen. Niemand weiß, wie viele Leute tatsächlich da waren. Ich bin immer noch erleichtert, dass niemand zu Schaden kam.

Berliner Morgenpost: Wer hat damals die Tore öffnen lassen?

Peter Rieger: Ich. Ich hatte die Verantwortung. Schon drei Jahre zuvor beim "Concert for Berlin" hatten wir die Türen öffnen müssen, weil Leute ohne Karten gegen die Absperrungen drängten. Damals herrschte nicht nur in Berlin die Ansicht, dass man für Konzertbesuche keine Karten mehr kaufen, sondern nur entschlossen genug auftreten müsse. Konzerte wurden noch gestürmt.

Berliner Morgenpost: Wie 1969 in Woodstock.

Peter Rieger: Das war übrigens das Codewort, das wir vereinbart hatten und dann auch verwendeten, um die Ordner anzuweisen, die Zäune zu öffnen: Woodstock.

Berliner Morgenpost: Konnten Sie die Kosten des Spektakels je beziffern?

Peter Rieger: Nein. Aber wenn Sie mich fragen: Das Konzert hat keinen Überschuss erwirtschaftet. Sagen wir: 200 000 Menschen bezahlen 35 Mark, die Mehrwertsteuer, das wären Einnahmen von rund 30 Millionen. Das dürfte die Produktionskosten gedeckt haben.

Berliner Morgenpost: Die Erlöse sollen einer Stiftung der Katastrophenhilfe zugeflossen sein. Auf dem Spendenkonto wurden also keine nennenswerten Summen verbucht.

Peter Rieger: Es wurden anschließend CDs verkauft und Videos, weltweit. Die Stiftung durfte sich über einen zweistelligen Millionenbetrag freuen.

Berliner Morgenpost: Hat Ihnen die verschwenderische Show als Veranstalter nicht die Nerven geraubt? Roger Waters ließ Hubschrauber über der Bühne kreisen, um die Geräusche von Hubschraubern zu erzeugen.

Peter Rieger: Warum nicht? In diesem Jahr gibt es das Problem, dass "The Wall" in manchen Hallen quer gespielt werden muss. Dabei mangelt es plötzlich an Styroporquadern für eine längere Mauer. Die Steine müssen nachbestellt werden, auf Kosten des Veranstalters. Roger Waters ist ein Künstler, jedes seiner Konzerte ist sein Kind.