Ausstellung

Unterkühlt und überschönt

Starke Frauen in High Heels sind sein Markenzeichen. Gerne platziert Helmut Newton sie oben ohne in freier Wildbahn.

Gleichsam als Raubkatzen, die auf ihrem Beutefang die Blicke des Betrachters herausfordern, erscheinen die schlanken Models, wehrhaft und selbstbewusst noch in ihrer Nacktheit, als wollten sie signalisieren: Wir sind frei und begehren, wen wir wollen. Mit seinen unterkühlten und überschönten Mode- und Aktfotos wurde Newton, der gebürtige Berliner, der mit 18 Jahren emigrierte, berühmt. Dass der 2004 verstorbene Meister der Inszenierung während seiner Shootings auch massenhaft Polaroids anfertigte, ist weniger bekannt.

In der Helmut Newton Stiftung im Museum für Fotografie wird jetzt erstmals ein repräsentativer Überblick über seine Polaroids aus den Jahren 1969 bis 2003 gezeigt. Er nutzte diese Technik, um sofort sehen zu können, wie die Situation im Bild wirkt, die er für seine Modeaufträge arrangierte. Die Polaroids waren Ideenskizzen und dienten gleichzeitig der Überprüfung von Lichtführung und Bildkomposition. Über 300 solcher Foto-Studien aus der Zeit, als es noch keine Digital-Fotografie gab, hat Kurator Matthias Harder arrangiert. Oberstes Kriterium: "Schönheit." So schön wie Simonetta mit den langen, roten Fingernägeln, die sich mit ihren sagenhaften Beinen nackt in einem Sessel räkelt, oder Evi, die Blonde mit dem traurigen Blick, 1996 in Beverly Hills.

Newtons unverwechselbarer, cooler Stil sitzt von Anfang an perfekt - das ist das Erstaunliche an diesem Blick in sein Skizzenbuch. Seinen Themen: Sex, Glamour, Mode und Porträt, spürte er in immer neuen, kontrastreichen, auch humorvollen Varianten nach. Bisweilen wunderbar surreal wie ein einsamer Unterleib ohne Oberkörper im engen Korsett einer schwarzen Lederhose und abenteuerlichen Stilettos bezeugt. Für die Ausstellung sind Vergrößerungen der zumeist farbigen Polaroids entstanden, in vier verschiedenen Formaten, hauptsächlich 50 mal 60 Zentimeter groß und 100 mal 80 Zentimeter. So muss sich keiner abmühen mit den kleinen Originalen, von denen einige in Vitrinen liegen.

Beim Flanieren durch das 1. Obergeschoss des Museums begegnet man den eleganten Ladies in Black oder blank auf Augenhöhe. Vergleiche mit den späteren Resultaten in Zeitschriften wie der Vogue, dem Stern oder Paris Match lassen sich nicht anstellen. Dafür kann man an einigen dieser Vor-Arbeiten die Notizen des Meisters lesen. Meist zog es Newton mit seinen Models ins Freie. Wenn eine exaltierte Schöne mit schickem Bustier und Federhaube am Strand posiert, darf man ebenso schmunzeln wie über die riesenhafte Frau als Herrin, die einen kleinen Mann im dunklen Anzug zum Aktenkofferträger degradiert. "Macht interessiert mich, sexuelle, finanzielle, politische", bekannte Newton. Seine Bilder erzählen davon.

Museum für Fotografie , Jebensstraße 2, Charlottenburg. Bis 20. November, Di-So 10-18 Uhr, Do bis 22 Uhr.