Oper

Das Messer auf der Zunge

Kein Lichtstrahl von Liebe und Geborgenheit fällt auf diese Handlung, und auf der Bühne der Deutschen Oper ist alles düster, blutig, herzensleer. Und dennoch wird das Berliner Publikum diese Inszenierung von Verdis "Macbeth" mögen, nicht nur ihrer hohen musikalischen Güte wegen.

Regisseur Robert Carsen ist schon ein raffinierter Geschichtenerzähler - und Diktaturen sind altbewährte Herrschaftsmodelle, gerade auch auf der bürgerlichen Opernbühne, gegen die es sich leidenschaftlich ansingen lässt. Carsen hat Macbeth, den Ur-Bösen seit Shakespeare, aus dem Schottischen des 11. Jahrhunderts hinein ins 20. Jahrhundert katapultiert. Die Meuchelmörder sind biedere Schreibtischtäter, ihre Auftraggeber gehören zur Führungsclique einer ordensbehängten Militärjunta. Carsen zeigt die Blutflecken an der grauen Mauer, einer Bunkerwand, und den grotesken Personenkult, präsentiert Fähnchenschwinger und überhaupt viel Uniformität.

Eine Oper ohne Läuterung

Einmal öffnet sich Macbeths großer Kleiderschrank, es hängt eine einzige Uniform drin. In ihr verbirgt sich sein ganzer Lebenssinn. Am Ende wird Macbeths Nachfolger Malcolm nur eine andere Uniformjacke anziehen und sich eine neue Schirmmütze aufsetzen. Der Diktator ist tot, es lebe der Diktator! Carsen lässt in seiner Inszenierung nicht den Hauch einer Katharsis, einer Läuterung, einer Hoffnung zu. Damit geht der 57-jährige Regisseur über den Italiener Giuseppe Verdi hinweg, der im vorrevolutionären Jahr 1847 natürlich auch seine patriotische Gesinnung in die grausige Geschichte hineinkomponierte.

Es ist eine Merkwürdigkeit an Carsens Inszenierung, die eine namenlose Diktatur osteuropäischer Prägung heraufbeschwört, dass sie auch schon wieder von Gestern ist. Sein "Macbeth" erlebte bereits 1998 Premiere in Köln. Am Ende eines gewalttätigen Jahrhunderts mag es noch eine Art Bestandsaufnahme gewesen sein. Mittlerweile stehen einst mordlüsterne Generäle vorm Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, im Nahen Osten gibt es gerade viel Aufbegehren und vor allem Hoffnung.

Es bleibt auch eine Merkwürdigkeit, dass Intendantin Kirsten Harms als letzte Premiere ihrer siebenjährigen Amtszeit gerade diese in die Jahre gekommene Inszenierung angekauft hat. Bislang war "Macbeth" irgendwie immer Chefsache am Hause. In der Berliner Morgenpost wurde 1931 lobend angemerkt, dass die außergewöhnliche Inszenierung des Intendanten Carl Ebert endlich mit alten Manieren aufräumt. Generalintendant Gustav Rudolf Sellner brachte die Oper ziemlich zu Beginn seiner Ära, 1963, auf die Bühne. Und dem Beinahe-Generalmusikdirektor Giuseppe Sinopoli war 1980 eine künstlerische Maßstäbe setzende Neuproduktion gelungen. Mit einer preiswerten Übernahmelösung endet die Ära Harms, das mag jeder deuten wie er will.

Glücklicherweise ist der Kanadier Carsen ein Regisseur voller Bilder, Stimmungen und auch Humor. Zunächst einmal verwandelt er die unheimlichen Hexen in geschäftige Putzhexen. Ein Haufen quirliger Damen mit Kopftüchern und Putzmitteln bevölkern die Bühne, sie klappern nach dem Bankett mit den Tellern und sagen fast beiläufig den Mächtigen die Zukunft voraus. Die Damen des Chors der Deutschen Oper tun das auf bezaubernd verwuselte Weise. Überhaupt präsentiert sich der Chor wieder einmal als ein gestaltungsfreudiger und singmächtiger Hauptdarsteller - und sieht sich am Premieren-Ende bejubelt.

Die Putzkolonne verkörpert buchstäblich das plebejische Element im Spiel der Mächtigen: Volkes Stimme war schon immer, nicht erst durch repräsentative Umfragen, auch ein Antrieb zum politischen Handeln. Bei Macbeth wird es Teil der Traumatisierung, der eines Täters, bei Lady Macbeth führt es in die Abgründe des kalkulierten Königsmords. Verdi sah in ihr eine raue, hässliche, teuflische Frau. Anna Smirnova trägt lieber das Messer auf der Zunge. Mit ihrem dramatisch durchgeführten Mezzosopran prägt sie eine Diktatorenfrau, die zwischen einer Wahnsinnigen und einer coolen Macherin changiert. Nur das mit der Verführerin, die durch sexuelle Spannung ihren Mann antreibt, was der Regisseur offenbar gerne hätte, liegt nicht in ihrem Naturell. Die Mannfrau der Smirnova beherrscht mit ihrer Intensität all die irdischen Schrecken bis in den eigenen Untergang.

Das Bankett geht weiter

Thomas Johannes Mayer sieht aus wie ein Kraftprotz, aber er weiß seine begrenzten Stimmkräfte einzuteilen. Er - der zweifelnde, schwächelnde Macbeth - führt seinen Bariton wandlungsfähig, einfühlsam auf die Höhepunkte zu, zumal nach der Pause. Und Regisseur Carlsen hat ihm eine der stärksten Szenen zugestanden: Beim Bankett tritt der Geist des gerade ermordeten Banquo auf. In der ersten Vision schreit Macbeth den leeren Stuhl an, dann tritt der Tote aus dem Chor der Gäste hervor, Macbeth stürzt sich auf ihn, sie fallen in die Menge. Nach dem Aufstehen hält er einen seiner verängstigten Gäste am Kragen. Das Bankett geht weiter.

Mit düsterer Bass-Sonorität gestaltet Ante Jerkunica den einstigen Kampfgenossen und Konkurrenten Banquo, eine imposante Figur. Und Pavel Breslik verwandelt mit seiner tenoralen Strahlkraft den Macduff fast in eine Lichtgestalt - bis auch er einen Orden an die Brust geheftet bekommt und sich in die finale Hoffnungslosigkeit einreiht. Das Orchester der Deutschen Oper vermag unter der Leitung von Roberto Rizzi Brignoli dramatische Leidenschaften entfachen. Bis hinein in jene atemvollen Momente, in denen die Handlung und der Verstand stillsteht. Ein musikalisch großer Abend.