Konzert

David Garrett in der Waldbühne: "Geil, einfach nur geil"

Jonathan ist ein Fan von David Garrett. Er kann aber nicht sagen, warum. Ich bin kein Fan von David Garrett, und es geht mir nicht in den Kopf, dass ein eher durchschnittlicher Geiger so über aller Maßen beliebt werden kann, dass er eine eigene Parfum-Reihe hat und mir nichts dir nichts die Berliner Waldbühne mit 17 000 Plätzen füllt.

Also nehme ich Jonathan an diesem Freitagabend mit. Er soll mir das erklären. Jonathan, 14, ist selbst Erste Geige im Jugendstreichorchester der Leo Kestenberg Musikschule und ist schon im Theater Givatayaim bei Tel Aviv, ja sogar im Schöneberger Rathaus aufgetreten.

Er weiß, dass es bessere Geiger auf der Welt gibt als David Garrett. Er weiß auch, dass Garrett nicht so erfolgreich wäre, sähe er nicht so gut aus. "Er hat als Model gearbeitet", sagt Jonathan mit einer Mischung aus Bewunderung und Verwunderung. "Er weiß, dass die Frauen zugucken. Er spielt mit offenem Mund."

Garrett, gebürtiger Bongartz, kommt aus Aachen und hat den Nachnamen seiner amerikanischen Mutter angenommen, nachdem er schon mit 13 seine erste CD aufnahm. Nach dem Studium bei Itzhak Perlman in der berühmten Juilliard School in New York machte er es zu seinem erklärten Ziel, einer jüngeren Generation Klassik näher zu bringen, indem er Crossover spielt. Crossover - in der Berliner Waldbühne bedeutet das vor allem Lieder, die das vorwiegend ältere weibliche Publikum kennt und liebt: die Filmmelodie aus "Alexis Sorbas", ein Vivaldi-Medley, "Hey Jude" und sogar "Rockin' All Over the World" von Status Quo.

Die Frauen wollen ihn berühren

Mit seinen lässigen Jeans, Drei-Tage-Bart und blondem Zopf könnte er das Kind von David Copperfield und der Kelly Family sein. Er würde gut auf dem Cover eines historischen Romans mit dem Titel "Der Lustgeiger" stehen. Als er mit charismatischem Lächeln durch die Reihen zur Bühne schlendert und dabei die Melodie von Nirvanas "Teen Spirit" geigt, drängeln die Frauen nach vorn, um eine Nahaufnahme zu machen oder ihn gar zu berühren. Zwischen den Liedern beglückt er sie mit Schwänken aus seinem Leben als Weltstar: Wie er beim Üben nach Mitternacht in der Hotelsuite in London Applaus vom Zimmer nebenan hört. Und wenn er endlich ins Bett gehen will, bittet das Zimmer nebenan um Zugabe. Für mich ist das einfach nichts Halbes und nichts Ganzes. Jonathan versucht, es mir zu erklären: "Ich höre privat auch die Songs von Michael Jackson, aber man hört sie nie so, wie er sie spielt, auf der Geige. Das ist mein Instrument. Das ist eine ganz andere Version - das hört sich einfach gut an." Aber auch er gibt zu, dass das nicht reicht. "Er ist halt David Garrett", sagt er und zuckt mit den Schultern. "Ihn gibt's nur einmal."

Auch ich muss zugeben: Mit all dem Bombast, mit den Feuerbällen, die bei Beethovens Fünfter durch die Luft fliegen, mit den ganzen Klassik-Evergreens und den großen Rockhymnen kommt irgendwann schon Laune auf. Mein Gott, der Mann spielt "Billy Jean" auf einer Stradivari! Ich sehe Jonathan an. Er wippt mit dem Kopf und grinst, und endlich entfährt ihm die Silbe, die alles erklärt: "Geil! Einfach nur geil!"