Kunstsache

Einsiedler auf grünem Moos, Funktionäre im grünen Jeep

Wer träumt nicht gelegentlich davon, den Alltag hinter sich zu lassen? Und was eignet sich besser für eine kurze Realitätsflucht als eine Fotoausstellung? Fotos, die man selber gemacht hat, sind vollgestopft mir Erinnerungen. Fotos, die Fremde aufgenommen haben, sind dagegen Fantasien.

Drei hervorragende Ausstellungen mit Dokumentarfotografie konnte ich mir letzte Woche anschauen und dabei Blicke in vergessene oder unbekannte Welten werfen. Da ist zum Beispiel Alec Soth. In der Galerie Loock stellt er seine Serie "Broken Manual" vor: Seit ein paar Jahren spürt Soth moderne Eremiten auf: Männer, die einsam in der Wildnis leben. Soth fotografiert seine Einsiedler mit ihren schmutzigen Kleidern und struppigen Vollbärten auf fast lyrische Weise: Er bettet sie aufs grüne Moos oder stellt sie in Seerosenteiche. Dennoch ist der Fotograf eher Realist als Romantiker: Die Satellitenschüssel auf einer komfortablen Wohnhöhle beweist, dass die Flucht vor der Zivilisation doch nie mehr als ein schöner Traum bleibt. (Bis 23. Juli, Invalidenstr. 50/51, Mitte/Tiergarten)

Dein Landsmann, das unbekannte Wesen: Anfang der 70er-Jahre machte der Fotoreporter Thomas Hoepker im Auftrag des "Stern" rüber, um hinter dem eisernen Vorhang das Alltagsleben in der DDR zu dokumentieren. Er kam zurück mit zahlreichen Eindrücken, die vielen Westdeutschen ferner war als der Mond. Die Galerie Hiltawsky zeigt nun einige von Hoepkers "DDR Ansichten". Es ist eine Auswahl eher anekdotischer Aufnahmen, zum Teil in vollkommen überdrehten Farben: Das rosa Zierkissen in einem grünen Trabant. Fünf stramme Funktionäre mit roter Fahne im offenen Jeep. Wer sagt, dass die DDR grau war, hat nie die blonde Ostberliner Schönheit kennengelernt, die sich im blauen Bikini auf dem Balkon eines abbruchreifen Altbaus sonnt. Man könnte behaupten, dass Hoepker sich weniger auf den Alltag der Menschen als auf kleine Momente des Luxus und Ausbruchs konzentriert und dass sein Panorama der DDR-Gesellschaft so vielleicht etwas verkürzt gerät. Dennoch sind es wunderbare Fotografien. Hoepker hat derzeit eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum, wo auch die "DDR Ansichten" zu sehen sind. Wer eine kostenlose Vorschau möchte oder gleich ein Foto erwerben will, dem sei ein Besuch in der Galerie empfohlen. (Bis 9. Juli, Tucholskystr. 41, Mitte)

In den frühen 70er-Jahren begann der Italiener Luigi Ghirri seine Heimatprovinz Emilia mit der Kamera zu durchstreifen - und gehörte bald in Europa zu den Pionieren der künstlerischen Farbfotografie. Die amerikanische Fotografenlegende William Eggleston bewunderte Ghirri, der stets am Zusammenhang zwischen dem großen Ganzen und dem ganz Kleinen interessiert war. In der Galerie Reception ist jetzt unter anderem sein wunderbarer "Atlante"-Werkzyklus zu sehen. Dafür hat er die aufgeschlagenen Seiten von Atlanten fotografiert - die verblassten Bilder sprechen von Fernweh und der Vermessung von Träumen, von Wirklichkeit und Abstraktion. Ähnlich komplex sind auch die Serien "Still Life" (mit Eindrücken von italienischen Flohmärkten und Antiquitätengeschäften) und "Rimini" (für die Ghirri 1977 Miniaturmodelle italienischer Sehenswürdigkeiten in einem Themenpark fotografierte). Ghirris Foto sind ein hintergründiger Trip ins Sehnsuchtsland Nummer Eins der Deutschen. (Bis 16. Juli, Kurfürstentr. 5/5a, Schöneberg)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien