Kyoto Tagebuch

So klingt der Spaßkrieg, aber amüsieren tut sich keiner

Drei Kernschmelzen, ein Präsident, der seinen Rücktritt will, und Rezession herrscht auch noch. Das kann einem schon mal zuviel werden. Besonders wenn man sechs Tage die Woche arbeitet und von zwei Wochen Jahresurlaub nur eine nimmt. Aber Ablenkung gibt es an jeder Ecke und alle gehen hin.

Die weibliche Jugend stürmt in Läden mit Fotoautomaten. Unter jedem Vorhang lugen hier Beine in Kniestrümpfen hervor, überall wird gekichert und wir stehen mittendrin vor einem Display und verstehen nichts. Schließlich betreten wir eine Kabine, die an Raumschiff Orion erinnert. Das Gerät fordert uns sofort auf, einen Hintergrund zu wählen. Und ein Format, eine Reihenfolge, eine Einstellung, Soft, Beauty oder Cool. Ich bin jetzt schon überfordert. Es blitzt fünfmal, dann schnell in die Kabine nebenan, um jedes Bild einzeln zu bearbeiten. Lippen, Wimpern, Nasenpuder. Wir wollen blaue Augen und Beine wie Bambi, das hatten uns die Plakate versprochen. Doch offensichtlich sind wir im falschen Programm und können bloß wählen zwischen Hasenohren, Schnurbart und Nerdbrille. Ansonsten sehen wir aus wie immer, nur 15 Jahre jünger. Aber das alles ist natürlich was für Mädchen.

Nichts für Mädchen ist die Pachinko-Halle. Dort gibt niemand einen Laut von sich und wenn, würde man es nicht hören. Der Lärm ist infernalisch. Metallkugeln rattern in Plastikwannen und durch Automaten, die dazu blinken und piepen. Aus 50 Boxen scheppert Disco-Pop. So klingt der Spaßkrieg. Nur amüsieren tut sich niemand. Die Leute starren auf ihre Automaten, legen im Sekundentakt die Kugeln nach, drehen am kleinen Plastikrad, schieben Scheine in den Schlitz. Unter Hochdruck alles vergessen.

Ein Angestellter erklärt uns die Regeln. Wir stecken die Köpfe zusammen und brüllen uns an. Es scheint das langweiligste Spiel der Welt zu sein. Man braucht kaum Geschicklichkeit, Hirn schon gar nicht, nur etwas, dass er Glück nennt. Die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen liegt bei einem Prozent. Die gewonnenen Kügelchen schüttet man am Ende in eine Zählmaschine, die eine Quittung ausdruckt. Diese lässt sich am Tresen eintauschen gegen Süßigkeiten, Stofftiere und DVDs oder gegen ein so genanntes Spezialgeschenk. Das ist in diesem Fall eine Plastikkarte. Mit dieser Karte verlässt man die Pachinko-Halle und tritt auf die Hauptstraße. Ein paar Meter weiter rechts befindet sich ein winziges Fenster. Zu sehen ist nur eine Hand, die Karten entgegennimmt und Bargeld zurückschiebt. Der Spieler lehnt dabei kleinganovenmäßig an der Luke, ganz unschuldig. Es heißt nämlich, Glückspiel sei in Japan verboten. Auf den ersten Blick wirklich unschuldig ist Karaoke, wofür es fünfstöckige Gebäude gibt, eigentlich Karaoke-Hotels. 130 Zimmer, Standard und Premium, Room-Service, Freigetränke in der Lobby, wo auch Matrosen- und Prinzessinnenkostüme ausgeliehen werden können. Die Kataloge zur Songauswahl sind 3000 Seiten dick, bedruckt wie ein Telefonbuch. Ich gehe durch die Flure, eine Kabine neben der anderen, gesungen wird selten, dafür getrunken. Viele der Kabinen bieten gerade mal Platz für drei, vier Personen, und genutzt werden sie meistens nur von zweien. Von elf Uhr mittags bis fünf Uhr morgens haben sie geöffnet, die Preise sind günstig. Mit jemandem allein zu sein ist fast so schwierig wie im Pachinko zu gewinnen. Hat man mit solchen Bedürfnissen allerdings abgeschlossen, bleibt noch das Katzencafe in der Fußgängerzone. Wohl der traurigste Ort, den ich bisher in Japan gesehen habe. Ein kleiner, karger Raum, ein paar Plastikstühle und zehn, zwölf Katzen. Dazwischen eine Frau, die sie streichelt. Kostenpunkt: 1.000 Yen, fast neun Euro, für eine halbe Stunde Streicheln. Nur die Limonade ist umsonst.

Die Schriftstellerin Lucy Fricke lebt in Berlin. Derzeit ist sie Stipendiatin des Goethe-Institutes in Kyoto. Sie schreibt jeden Sonnabend über ihr Gastland.