Oper

Wer würde schon um Lady Macbeth weinen

Robert Carsen hat dieser Tage seine Kölner Inszenierung von Verdis "Macbeth" an die Deutsche Oper angepasst, am morgigen Sonntag ist die Berliner Premiere. Aber diese kostensparende Praxis der Inszenierungsübernahmen ist manchmal schon ein wenig merkwürdig: In Köln fand die Premiere bereits vor dreizehn Jahren statt.

"Ich hatte anfangs auch etwas Angst", sagt der Regisseur beim Gespräch im Restaurant der Deutschen Oper: "Aber jetzt finden wir, dass es nach wie vor hervorragend funktioniert." In seiner Regie hat Carsen die düstere Handlung nach Shakespeares Blutdrama in eine namenlose Diktatur des 20. Jahrhunderts verlegt. An Macbeth' Brust passen viele Orden - wie es gerade auch in osteuropäischen Diktaturen seine Tradition hat. Insofern findet der Regisseur die Premiere in Berlin sogar aktueller, in der einstigen Grenzstadt gefühlt dichter an der Vergangenheit. Außerdem, so Carsen, brauchen wir doch nur in den Nahen Osten zu schauen, wie lange sich dort Diktatoren halten. Er selbst habe aber keine Erfahrungen in solchen Systemen gemacht, sagt er: "Wir haben zwar in Kanada ab und zu schlechte Politiker, aber keine Diktaturen." Dann lacht er.

Humor und Tiefgründigkeit liegen bei dem 57-Jährigen, der seit Jahrzehnten in Paris und London lebt, dicht beieinander. Auch in seinem "Macbeth". Und für den Fall, dass man doch nach Veränderungen in seiner aufgefrischten Inszenierung nachbohrt, verweist er auf ein englisches Sprichwort: ,Wenn etwas nicht kaputt ist, muss man es nicht reparieren'. An der Deutschen Oper war bereits vor vier Jahren Carsens feine, witzige "Ariadne auf Naxos" bejubelt worden. Das war sein spätes Debüt in Berlin, obwohl er international längst zu den angesagtesten Regisseuren zählt. Nächstes Jahr im Juni wird er übrigens wieder in Berlin zugange sein: Sein "Don Giovanni" mit Daniel Barenboim am Pult und Anna Netrebko als Donna Anna kommt als Gastspiel der Mailänder Scala ins Schiller-Theater und wird sogar live auf den Bebelplatz übertragen. Mit Netrebko hat Carsen bereits einmal in Japan gearbeitet, da war die gerade aufstrebende russische Primadonna seine Musette in "La Boheme". Eine intelligente, instinktive Sängerin sei sie, sagt Carsen, und voller Charme. In der Staatsoper gab es bereits Überlegungen, La Netrebko per Hubschrauber zum Openair-Schlussapplaus nach Mitte zu fliegen. Über den Starruhm, diese Art von Popularität, kann der Intellektuelle Carsen nur verwundert den Kopf schütteln: "Gut, das Publikum braucht und will das, aber Anna ist nicht nur eine fantastische Künstlerin, sondern auch ein ganz normales Mädchen."

Ob sich eine machtgierige, böse Lady Macbeth leichter inszenieren lässt als eine verzweifelte, gutherzige Donna Anna? "Man sagt immer, dass die Bösen leichter zu inszenieren sind - aber wie gut ist die Donna Anna wirklich?", fragt Carsen zurück: "Ich glaube nicht an Schwarzweiß, sondern finde das Grau interessanter. Wir haben alle gute und schlechte Seiten in unserem Charakter. Und die Macbeth glaubt überhaupt nicht, dass sie etwas Böses tut. Alle denken, dass sie Recht haben."

"Macbeth" sei eine kältere Oper, sagt Carsen: "Die Aktionen der Hauptfiguren sind ideologischer, weniger intim. Man kann nicht um eine Lady Macbeth weinen. Es gibt am Ende der Oper kein Gefühl von Katharsis. Es ist von Anfang bis Ende furchtbar und auch danach keine Besserung in Sicht. Es ist ein Zyklus von Politikern, die kommen, enttäuschen und ersetzt werden."

Wie raffiniert der Theatermann, der seine Laufbahn als Schauspieler begonnen hat, Zeitebenen und Handlungen miteinander verknüpfen kann, zeigt ein Detail, das nur wenigen Besuchern auffallen wird. Nach alter Regiekunst hat der Held die Bühne von hinten links nach rechts vorne zu betreten. Das entspricht unserer Lese- und damit Sehgewohnheit - und erzeugt unterschwellig Sympathie. Carsen dagegen führt alle seine Figuren konsequent von rechts nach links, außer den zeitlosen Hexen. In Gegenbewegung wandern die Kulissen auf der Bühne von links nach rechts, aus der Zukunft kommend und in der Vergangenheit verschwindend. In der Bühnenmitte, quasi in der Gegenwart, trifft alles aufeinander. Solche Regiekniffe sind Robert Carsens Geheimnis.