Theater

"Auf der Bühne lernt man es, sich frei zu spielen"

Nina Hoss ist eine Ausnahme-Schauspielerin. Ein Star, aber ohne Allüren. Sie wechselt mühelos zwischen Film und Theaterbühne, das ist nicht selbstverständlich. Heute Abend hat Nina Hoss Premiere im Deutschen Theater.

In den Kammerspielen inszeniert Stefan Pucher "Tape". Das Stück des amerikanischen Autors Stephen Belber ist hochaktuell: Wie im Kachelmann-Prozess geht es um die Frage, wo die sexuelle Einvernehmlichkeit aufhört und eine Vergewaltigung beginnt. Neben Nina Hoss spielen Felix Goeser und Bernd Moss. Mit der Schauspielerin sprach Stefan Kirschner.

Berliner Morgenpost: Sie stellen für jede Rolle, die Sie spielen, Musik zusammen. Was haben Sie jetzt für "Tape" auf den iPod geladen?

Nina Hoss: Die Lieder, die wir auch in der Inszenierung spielen: Indierock. Aber ich sitze diesmal nicht in der Garderobe und höre mir das an. Schließlich müssen wir die Songs ja üben.

Berliner Morgenpost: Sie singen auch?

Nina Hoss: Ja. Bernd Moss spielt Bass, Felix Goeser Schlagzeug und ich Gitarre.

Berliner Morgenpost: Bei einem Stück mit dem Titel "Tape" erwartet man weniger eine Liveband, aber auf jeden Fall einen Kassettenrekorder auf der Bühne.

Nina Hoss: Den haben wir! So ein altes Gerät mit großen Tasten, wo die Klappe für die Kassette noch richtig aufspringt.

Berliner Morgenpost: Hatten Sie früher auch so einen Rekorder?

Nina Hoss: Na klar. Ich habe noch aus dem Radio Lieder aufgenommen - und mich immer geärgert, wenn die Moderatoren vor dem Ende des Songs reingesprochen haben. Dann konnte ich wieder von vorn anfangen.

Berliner Morgenpost: Im Stück geht es auch um die Frage, wo sexuelle Einvernehmlichkeit aufhört und eine Vergewaltigung beginnt. Das ist angesichts des Kachelmann-Prozesses und der Anklage gegen Strauss-Kahn brandaktuell.

Nina Hoss: Wir haben im Vorfeld der Inszenierung zwei Stücke gelesen und dann entschieden, welches wir nehmen. "Tape" geht mit dem Thema unerwartet um. Nach dem Ende, das verrate ich jetzt aber nicht, geht man raus und ist verwirrt. Was war denn das jetzt? Ist etwas passiert - oder nicht? Das gefällt mir sehr gut. Auch gerade, wenn man jetzt so viel darüber liest, wie Opfer und Täter gesehen und letztendlich in eine Schublade gedrängt werden. Im Stück wird es aufgebrochen. Keiner kann sich mehr sicher sein. Und die Frau, von der man eigentlich erwartet, dass sie zusammengebrochen ist, ist die souveränste von allen. Vielleicht täuscht sie das auch nur vor. Ich bin gerade ganz beigeistert von dem Stück. Es ist toll geschrieben.

Berliner Morgenpost: Wie so oft in der nordamerikanischen Dramatik: Brisante Themen kommen ganz unterhaltsam daher. Ist diese Fähigkeit bei zeitgenössischen deutschen Autoren weniger ausgeprägt?

Nina Hoss: Selten so gelungen. Amerikanische Autoren wissen, wie man Dialoge schreibt. Das es leicht bleibt, eine Komik hat, aber es dir trotzdem in die Eingeweide fährt. Und dann wird es wieder aufgehoben. Man ist geschockt, berührt - und wird unterhalten.

Berliner Morgenpost: "Tape" ist auch verfilmt worden. Haben Sie sich den Film angesehen, um sich auf die Rolle vorzubereiten?

Nina Hoss: Nein, das versperrt die eigene Fantasie. Ich habe nur mal auf YouTube reingeschaut, um die Atmosphäre zu spüren. Man kann auf der Bühne ohnehin nicht so spielen wie im Film. Auch die Komik muss man anders behaupten. Da kommt man mit einer Feinstofflichkeit gar nicht über die Rampe.

Berliner Morgenpost: Sie beherrschen beide Auftritte, agieren souverän sowohl auf der Theaterbühne als auch vor der Kamera. Das gelingt nicht allzu vielen Schauspielern?

Nina Hoss: Das hängt sicher auch mit dem Glück zusammen, dass ich gleichzeitig mit beidem starten konnte. So das die Theatergemeinschaft nicht sagen konnte, das ist ja die aus dem Film. Und die beim Film...

Berliner Morgenpost: ...haben weniger Berührungsängste. Die holen sich doch gern unverbrauchte Gesichter vom Theater.

Nina Hoss: Stimmt. Ich glaube, der Einstieg beim Theater ist dann nicht leicht, wenn man vom Film kommt und nie auf einer Bühne gespielt hat. Das ist ja auch komplett anders.

Berliner Morgenpost: Und wenn Sie sich für eines von beiden entscheiden müssten?

Nina Hoss: Ich genieße beides! Am Theater hat man während der Probenwochen mehr Zeit, in der man sich ganz intensiv gemeinsam mit anderen mit einem Thema beschäftigt. Die Bühne gibt mir viel zurück. Da lernt man, sich frei zu spielen. Ich glaube, wenn ich nicht auf der Bühne stehen würde, wäre ich beim Film viel angespannter.

Berliner Morgenpost: Sie sind dem Deutschen Theater immer treu geblieben, haben mehrere Intendanten er- und überlebt?

Nina Hoss: Das ist schon eine Art Zuhause, ja. Das Publikum kennt einen, man kennt das Publikum, aber man kann sich trotzdem noch überraschen - das hoffe ich zumindest. Aber es gibt auch ganz praktische Vorteile, die bei der Arbeit helfen: Man kennt die Bühne, man kennt jeden Gang - das ist einfach angenehm.

Berliner Morgenpost: Als Sie vor über 12 Jahren am Deutschen Theater anfingen, war noch Thomas Langhoff Intendant, dann kam der umstrittene Wechsel. Sein Nachfolger Bernd Wilms hatte es in den ersten zwei Jahren sehr schwer?

Nina Hoss: Aber das ist doch eigentlich immer so. Wenn sich ein neues Ensemble formiert, dann hakt und öst es - und irgendwann kommt das alles zusammen. Dann geht's richtig los. Theater muss sich immer wieder neu erfinden. Was interessiert, was ist modern?

Berliner Morgenpost: Aber immer wird eine Geschichte erzählt?

Nina Hoss: Da kommt man nicht dran vorbei - und das ist auch das Schönste. Aber wie erzählt man die Geschichte? Da gibt es so viele ästhetische Formen und Möglichkeiten.

Berliner Morgenpost: Mit Michael Thalheimer, Stephan Kimmig oder Barbara Frey haben Sie häufiger zusammengearbeitet. Wie wichtig sind Ihnen vertraute Regisseure?

Nina Hoss: Das Schöne ist ja, wenn einem nach einer Arbeit wieder etwas zueinander einfällt. Dann kann man bei der nächsten Arbeit an einem anderen Punkt ansetzen, denn man kennt sich schon. Auch die Macken, die Verhaltensweisen. Man kann einfach freier miteinander umgehen, vielleicht auch tiefer in manchen Dingen, wo man sich vorher nur abtasten konnte. Ich mag so eine Kontinuität.

Berliner Morgenpost: Die gibt es diesmal nicht. "Tape" ist Ihre erste Zusammenarbeit mit dem Regisseur Stefan Pucher.

Nina Hoss: Ich lasse mich gern auf Neues ein. Es wäre ja auch schlimm, wenn es nicht so wäre. Man lernt eine andere Arbeits-, andere Sichtweisen kennen. Das bereichert doch.

Berliner Morgenpost: Sie stehen den Grünen politisch nahe und wurden in Stuttgart geboren. Haben Sie damit gerechnet, dass in einem konservativen Land wie Baden-Württemberg der erste grüne Ministerpräsident Deutschlands gewählt wird?

Nina Hoss: Das stand schon im Raum. Der Erfolg hat aber sicher viel mit der Person Winfried Kretschmann zu tun. Er ist bodenständig, hartnäckig und unabhängig - irgendwie auch von den Grünen. Der hat seine eigenen Vorstellungen und lässt sich nicht von Berlin reinreden. Mal schauen, was da noch alles passiert. Ist doch eine tolle Möglichkeit, wenn man in einem prosperierenden Land regiert.

Berliner Morgenpost: Das umstrittene Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 dürfte die erste Nagelprobe werden - auch für den Verkehrsminister?

Nina Hoss: Der arme Winni Herrmann. Da habe ich auch keine Lösung. (lacht)