Bildung

Warum nur sind die Schulen so schlecht?

An deutschen Schulen sind die Lehrer dement, alkoholkrank und sadistisch veranlagt. Sie kommen ständig zu spät, finden ihre Klassenräume nicht und benoten willkürlich. Das Gute für sie ist: Ihnen kann im Schuldienst nicht viel passieren.

Sanktioniert wird Fehlverhalten maximal mit einer Versetzung an eine andere Schule oder der Frühpensionierung - bei vollen Bezügen. Auch die Schüler sind kaum besser: Sie mobben sich gegenseitig, sodass die Opfer aus Angst nicht mehr in die Schule kommen und ihre Leistung abfällt. Eigenes Denken und selbstständiges Handeln wird nicht gefördert, Schüler wie Lehrer müssen funktionieren und repetieren.

Eine traurige Bilanz, zumal das Buch "Schule versagt" Beispiele aus dem Schulalltag mehrerer Berliner Schulen beschreibt, die keineswegs in einem sozialen Brennpunkt liegen. Die wenigen positiven Ausnahmen sind Glücksfälle und bestätigen nur die Regel, die Inge Faltin aufstellt. Ein starres bürokratisches System wie die Schule setzt auf Konformismus und nicht auf Initiative und taugt als solches nicht für die heutige Wissensgesellschaft.

Das Autoren-Paar, Mutter Inge und Sohn Daniel Faltin, schildern die Defizite der deutschen Schule aus Schüler- und Lehrersicht. Der Bericht aus Daniel Faltins Schultagen ist skurril und unglaublich. Er scheint entweder großes Pech gehabt oder übertrieben zu haben. Ebenso unglaublich erscheinen seine Erfahrungen an der Highschool in den USA, wo ihm alles gelingt. Seine Mutter zog aus den Erfahrungen ihres Sohnes die Konsequenz, selbst an die Schule zu gehen. Als Politologin wurde sie im Quereinstieg Lehrerin. Sie berichtet von zehn Jahren Schulerfahrung in Deutschland, die sie veranlassten, ein anderes Schulmodell zu entwerfen. Faltin berichtet von gescheiterten Innovationsversuchen, von altgedienten Lehrern, die nicht vom Frontalunterricht abzubringen sind. Angehende Lehrer haben meist ein Ziel: einen ruhigen Job, bei dem Schüler als notwendiges Übel in Kauf genommen werden. Sie sind unflexibel, haben außerhalb von Schule und Studium keine Berufs- und Lebenserfahrung.

Die Schüler sind lediglich die Leidtragenden eines falsch gepolten Systems. Die Eltern leisten oft mit antiautoritären Erziehungsmethoden ihren Beitrag zu Konzentrationsmangel, Demotivation und Verhaltensauffälligkeit im Klassenzimmer. Faltin erlebt Gymnasiasten, die die judikative Gewalt fälschlicherweise als "rechtsbrechende" in ihren Unterlagen notiert und ohne Nachdenken auch so rezitiert haben. Faltins Schlussfolgerung: Das Schulsystem vertraut zu sehr auf staatliche Automatismen und fordert zu wenig die Eigenmotivation von Schülern und Lehrern ein. Immer wieder wird das anglo-amerikanische Schulsystem als Vorbild angeführt. Die in Teilen trocken und langatmig verfasste Kritik von Sohn und Mutter Faltin ist gut begründet und legt den Finger in die Wunde der deutschen Bildungsmisere.

Innovationsfreudigen Lehrern und Quereinsteigern wird es schwer gemacht. Denn sie stören nur das etablierte System. Daher sind Inge Faltins Forderungen das Referendariat, die Verbeamtung und auch die Unkündbarkeit von Lehrern abzuschaffen, ein interessanter Vorschlag, wenngleich einem etwas die Fantasie fehlt, dass dieser Weg je eingeschlagen werden könnte.

Inge und Daniel Faltin Schule versagt. Warum Bildung ein Glücksspiel ist und wie sich das ändern kann. dtv, 299 Seiten, 14,90 Euro