Literatur

Dekadente Partys, talentlose Künstler

Der Riese, fast zwei Meter groß, zweihundert Pfund schwer, explodierte im Romanischen Café am Kurfürstendamm. Man schrieb das Jahr 1935. Und Thomas Wolfe hieb mit der Faust auf den Tisch. Dabei hatte sich der Schriftsteller eigentlich wie immer, wenn er in der Stadt, im Land seiner Vorväter war, sehr wohl gefühlt.

Eigentlich war er in Deutschland fast weltberühmter als in Amerika. Daheim hatten sie gerade angefangen, ihn, den Sinclair Lewis bei seiner Nobelpreisrede 1930 als kommenden Gott nicht nur der amerikanischen Literatur gepriesen hatte, zu demontieren. Sie mokierten sich über seinen hohen Ton, seine Wort- und Bilderexplosionen - eigentlich über den ganzen Thomas Wolfe, der auf einmal querstand zur Zeit der knappen Sätze, der sparsamen Sprache. Dass Genie allein nicht genug sei, hatte da einer seitenweise über ihn geschrieben, dass er keinen Formwille habe, dass er sowieso nichts anderes täte, als bloß sein Leben abzupinnen. Und so war Wolfe Mitte der Dreißiger fast geflüchtet nach Europa, als "Von Zeit und Strom", sein zweiter Roman und Fortsetzung seines weltweit gefeierten Erstlings "Schau heimwärts, Engel" erschien. Alles war prima. Als ihm auch noch ein deutscher Kritiker vorwarf, er schreibe nur sein Leben ab, platzte ihm im Romanischen Café und im Beisein seines Verlegers Heinrich Maria Ledig-Rowohlt der Kragen.

Dabei war der Vorwurf nicht von der Hand zu weisen. Was immer Thomas Wolfe schrieb, und er schrieb dauernd, hatte autobiografischen Bezug. Wolfe benutzte sein Leben als Steinbruch, sein genialisch präzises Gedächtnis als Werkzeug. Und dass die beiden großen Romane, die zu Wolfes Lebzeiten erschienen, den formalen Kriterien der damaligen Romantheorie kaum entsprachen, hätte selbst Wolfe nicht geleugnet.

Viel hätte nicht gefehlt, und Thomas Wolfe wäre nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Lehr- und Leseplänen heraus direkt ins Meer des literarischen Vergessens gefallen. Wolfes Angedenken hing schon mit anderthalb Beinen über der Klippe, da wird er jetzt - sieben Jahrzehnte nach seinem frühen Tod 1939 - wiederentdeckt. Als Meister der kurzen, besser: kürzeren Form. Des eben nicht mehr ausschließlich autobiografischen Schreibens. Als durchaus gnarziger Gesellschaftsanalytiker.

Erzählungen, Novellen, Geschichtenbände wurden in Amerika wieder oder erstmals zugänglich, die erklären, warum Thomas Wolfe im Romanischen Café beinahe zwangsweise explodieren musste. Weil er längst weiter war, weiter von sich weg als literarischem Beschreibungsobjekt, weiter auf dem Weg zu formaler, sprachlicher Konzentration als bornierte Literaturkritiker beiderseits des Ozeans ahnten. Als der amerikanische Homer den Tisch im Romanischen Café malträtierte, hatte er beispielsweise schon drei Jahre lang an einem Manuskript gearbeitet, das er in seinem letzten Lebensjahr in einer Holzhütte in den Smoky Mountains beinahe gänzlich fertig stellen konnte, und das nun in einer herausragenden Edition und Übersetzung bei Manesse in München erschienen ist - "Die Party bei den Jacks".

Um die Frage nach dem Autobiografischen schnell zu beantworten: Die Party hat es tatsächlich gegeben, sie fand 1930 an der Park Avenue statt, im New Yorker Appartement von Wolfes Lebensabschnittsförderin und -geliebten, der Bühnenbildnerin Alina Bernstein. Hinter Esther Jack, der Frau des steinreichen, ursprünglich aus Koblenz stammenden jüdischen Bankiers Frederick Jack und Gastgeberin des Festes, um das sich der ganze Roman dreht, verbirgt sich eben jene Alina Bernstein. Unters Partyvolk bei den Jacks haben sich etliche realexistierende Figuren gemischt, die ganze sich schlau glaubende Bevölkerung einer börsengestützten Seifenblase: Wolfe selbst zum Beispiel, der als George Webber, Schriftsteller und beinahe schon wieder entliebter Geliebter von Esther Jack, firmiert. Oder der Mobile-Meister Alexander Calder, der als Künstler Piggy Logan in einer der Schlüsselszenen eine aberwitzige Show mit einem Drahtpuppenzirkus hinlegt. Oder Amy Van Leer, die in Wirklichkeit Emily Davies Vanderbilt hieß und sich später das Leben nahm.

Wolfe hat die Party allerdings in eine Zeit verlegt, als die Roaring Twentys noch ordentlich röhrten, und der Kapitalismus noch in bester Ordnung schien. Frederick Jack, der Bankier, der mit 17 aus Deutschland floh, hat es längst geschafft, er wacht auf, durchlebt gleich mehrere Albträume, in denen er wieder zurück in seiner Jugend, zurück am Deutschen Eck ist. Esther Jack flaniert durch ihre Wohnung, und ist bezaubert, von ihrer Wohnung, ihrer Küche und vor allem von sich. Zwei Fahrstuhlführer unterhalten sich über die da oben und die da unten in ihrem Haus und in der Welt. Es gibt gleich mehrere lange, hinreißende Ballszenen. Es brennt. Alle müssen raus aus dem Appartement, flüchten die Gesindetreppe hinunter. Die Fahrstuhlführer sterben. Frederick Jack hört es rumpeln im Haus und in der Welt, es fröstelt ihn. Esther denkt an ihren Geliebten und wünscht sich Schlaf.

"Die Party bei den Jacks" ist ein fabelhaft aktuelles Buch. Es zeigt eine Kunstwelt, in der Kunst das ganz große Ding ist und es Künstler mit sehr beschränktem Talent, aber medialer Unterstützung durch Schwafelköpfe zu geradezu fabelhaft teurer Berühmtheit bringen. Wolfe pinselt traumhafte Porträts der Partygänger an die Wände des Appartements über der Park Avenue. Man staunt, man tanzt durch dieses Fegefeuer der Eitelkeiten und Träume. Und möchte gar nicht aufhören.

"Esther Jack flaniert durch ihre Wohnung und ist bezaubert, von der Wohnung, der Küche und vor allem von sich"

Thomas Wolfe Die Party bei den Jacks. Aus dem Englischen von Susanne Höbel. Manesse, München. 384 Seiten 24,90 Euro