Fernsehen

Wenn das Charlton Heston noch erlebt hätte

Als David Wyler gerade sechs Jahre alt war, nahm ihn sein Vater mit auf die Arbeit. Darum haben ihn wohl alle beneidet. Denn William Wyler drehte damals in den Cinecittà-Studios von Rom den aufwendigsten aller Prestigefilme, "Ben Hur".

Und immer, wenn der kleine David sich nicht benahm, soll ihn sein Papa ermahnt haben: "Ab in die Galeere. Platz 41." Da saß Ben Hur als Rudersklave.

Jetzt ist der Sohn wieder auf die Galeere gegangen. Als ausführender Produzent war er an dem TV-Remake von "Ben Hur" beteiligt, eine nicht ganz so aufwendige, aber immer noch 22,5 Millionen Dollar schwere Koproduktion von den USA, Spanien, Deutschland und Kanada, die 2009 in Marokko gedreht wurde. Es soll, so der Sohn, eine Hommage sein an den Vater, aber auch an Charlton Heston, den Hur-Darsteller von 1959. Sicherheitshalber hat David Wyler das Projekt aber erst wenige Tage nach Hestons Tod angestoßen. Der wäre womöglich not amsued gewesen.

Nun ist "Ben Hur" durchaus keine heilige Kuh. Der Filmklassiker basierte auf dem Bestsellerroman von Lewis Wallace aus dem Jahr 1880 und war keineswegs die erste Adaption. Schon 1907 wurde ein 15-Minüter gedreht und 1925 eine erste Kolossalversion (ebenfalls mit einem nervenaufreibenden Wagenrennen, ja sogar mit einer der ersten Farbszenen der Filmgeschichte), bei dem William Wyler bereits als Regieassistent mitgewirkt hatte. Und auch Wylers eigener Film hat zwar alle Rekorde gebrochen, elf Oscars gewonnen und gilt bis heute als Inbegriff des Sandalenfilms. Aber das Monumentalepos erstickt doch an seinen Monumenten, vom Wagenrennen abgesehen bleibt es ein doch sehr statisches, auch moralinsaures Passionsspiel.

Und eine werktreue Romanverfilmung steht noch immer aus. In Wallaces Buch sind die Wege von Ben Hur, dem jüdischen Fürsten, der vom Römer Messalah verraten wird und auf Rache sinnt, viel enger mit jenem Mann aus Nazareth verknüpft, der die Liebe predigt und dafür gekreuzigt wird. Das wäre die Chance dieses Films gewesen. Doch, ach, vertan.

Der 169-Minüter, den ProSieben einmal nicht als Zweiteiler über die Feiertage verteilt, sondern an einem Stück serviert, hat nicht das Geld für all die Statistenheere, Kulissenzauber und Actionsequenzen. Das Wagenrennen lässt jede Dynamik schmerzlich vermissen. Der Film leistet sich auch keine Stars, die sonst gewöhnlich aus allen koproduzierenden Landen angeworben werden, ja noch nicht einmal echte Schauspieler. Sondern Darsteller aus der dritten Garde, die hauptsächlich, wie an Joseph Morgan in der übergroßen Heston-Rolle zu sehen, nach Attraktivität in spärlicher Tunika gecastet wurden. Der historische Berater, der dem Film beigestanden haben soll, muss gnädig im Schatten gedöst haben. Noch beim schikanösesten Galeerendienst schauen die Rudersklaven frisch geduscht und gebügelt drein. Und statt mehr Christus gibt es noch mehr Sex und Sünde, in Gestalt einer hinzugedichteten Hure, die die Männer verführt, vergiftet oder auch beides.

Wyler Junior glaubt tatsächlich, man habe mit diesem TV-"Hur" eine gültige aktuelle Version des Stoffes geschaffen - für all die jungen Leute, die Papas Klassiker nicht mehr kennen. Unsinn: Der wird noch immer verlässlich an jedem Ostern im Fernsehen wiederholt, der Sandalenfilm des Sohnes dagegen versandet noch während der ersten Ausstrahlung. Was den Erben angeht, pflichten wir dem Vater bei: "Ab in die Galeere. Platz 41."

Ben Hur ProSieben, Heute, 20.15 Uhr