Heinrich Mann

Vieles kommt nicht vor, alles ist drin: "Der Untertan" im Theater

Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt. Dieser Satz ist geklaut. Es ist der erste in Heinrich Manns "Der Untertan". In Anja Gronaus Bühnenadaption dieses Romans kommt der Satz gar nicht vor. Das ist deshalb bemerkenswert, weil so vieles nicht vorkommt, aber trotzdem alles drin ist.

Regisseurin Gronau ist schon seit einigen Jahren sehr erfolgreich auf dem Feld der theatralen Klassikerkompressionen unterwegs - und bekam für ihr "Gretchen" ohne Faust den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost. Nun nimmt sie sich im Theater unterm Dach den sittenstrammen Machtanbeter Diederich Heßling vor. In "Untertan - Wir sind dein Volk" destilliert sie aus dem Roman 90 knackige Minuten und zeichnet von der Wiege bis zum Wahnsinn tatsächlich den ganzen Weg des Bucklers und Beherrschers in nahtlos ineinander übergehenden Miniszenen nach. Mit nur einem Schauspieler und vielen kleinen unaufdringlichen Ideen betreibt sie Regie mit Understatement.

Alexander Schröder schwitzt sich sehr differenziert durch diese Figur, krümmt den Rücken und schwellt die Brust, lässt seinen Heßling abwechselnd liederlich und lächerlich sein und arrangiert sich bestens damit, dass Anja Gronau ihm anfangs lediglich drei kleine Tische als Requisiten zur Verfügung stellt. Später kommt noch eine Videoprojektion mit den Verstrickungen und Verbindungen der Netziger Bevölkerung dazu, ein symbolischer Stammbaum der wilhelminischen Kleinbürgerschaft, vor dem sich ein Mobile aus weißen Blättern dreht mit Heßling selbst als Strippenzieher. Den allergrößten Herzenswunsch aber erfüllt ihm die Regie erst ganz am Schluss zum großen Verschmelzungsshowdown. Auf Heßlings weißes Hemd wirft ein Projektor des Kaisers Uniform und ihm einen Zwirbelbart unter die Nase. Sein letzter Satz lautet: "Jetzt oder nie: Monarchie!" Der ist auch geklaut, die Guttenberg-Spötter trugen ihn auf ihren Satire-Demos durch die Straßen. Dieser Machtmensch der Gegenwart hatte da bereits ausgedient.

Theater unterm Dach , Danziger Straße 101. Tel. 902 95 38 17. Termin: 18. Juni, 20 Uhr.