Interview mit Angela Winkler

"Mit Gesang kann man die Menschen mehr berühren"

Die Schauspielerin ist auch mit 67 Jahren noch Kind geblieben, hat sich diese ausgelassene Freude, diese unverstellte Neugier und Direktheit bewahrt.

Nun hat Angela Winkler ("Die verlorene Ehre der Katharina Blum") ein Album mit ihren Lieblingsliedern aufgenommen, das sie heute im Renaissance Theater vorstellen wird: "Ich liebe dich, kann ich nicht sagen". Klassiker wie das "Heideröslein" oder Brechts "Ballade vom ertrunkenen Mädchen" finden sich da, und sogar ein Titel wie "Gelohnt hat es sich nicht" von Element of Crime. Christoph Forsthoff sprach mit Angela Winkler.

Berliner Morgenpost: Haben Sie wirklich schon als Kind davon geträumt, wie es heißt, später auf der Bühne zu singen?

Angela Winkler: Ich wollte eigentlich immer Sängerin werden - und bin dann irgendwie zur Schauspielerei gekommen. Als ich 15 Jahre alt war, habe ich einen Film gesehen, der mich unglaublich fasziniert hat: "Plötzlich im letzten Sommer" mit Elisabeth Taylor - und danach war es um mich geschehen und ich wollte Schauspielerin werden.

Berliner Morgenpost: In einem Ihrer wenigen Interviews der letzten Jahre, das Sie gemeinsam mit Harald Schmidt gegeben haben, sagen Sie ganz am Schluss: "Ich singe wahnsinnig schön"...

Angela Winkler: (lacht) ...ja, das war so ein witziges Interview. Und er gibt ja immer an und macht einen auf Oberhampelmann - und da habe dann auch ich mitgemacht und angegeben.

Berliner Morgenpost: Lässt sich im Gesang noch mehr ausdrücken als im Sprechtheater?

Angela Winkler: Man kann mehr berühren durch Gesang - deshalb wird in Filmen wie im Theater ja auch Musik eingesetzt, denn das steigert die Emotionen. Da können die Schauspieler ganz wild schreien - doch plötzlich ertönt eine Melodie und man kommt in eine ganz andere Welt.

Berliner Morgenpost: Ist es für Sie dabei von Vor- oder Nachteil, nicht vom Fach zu sein, also keine klassische Gesangsausbildung zu haben?

Angela Winkler: Ich glaube, das ist von Vorteil. Als wir letztes Jahr diesen Volksliederabend gemacht haben, hat Thomas Quasthoff mir gesagt: Angela, du singst so, wie die Sänger eigentlich singen sollten. Ich habe ja nicht den Atem eines Sängers, aber weil ich den nicht habe, mache ich halt mal eine Pause. Die aber wiederum vermag ich zu füllen, weil ich ja Schauspielerin bin.

Berliner Morgenpost: Ist dann Ihre Stimme der rote Faden in der Liedzusammenstellung Ihres Albums?

Angela Winkler: Es sind Lieder, die ich kenne und zu denen ich eine Beziehung habe. Eines habe ich da gehört, ein anderes dort - auf das Lied "Aller Seelen" etwa bin ich gestoßen, als ich meinen Else Lasker-Schüler-Abend gemacht habe.

Berliner Morgenpost: Sie spielen gerade in dem von Robert Wilson inszenierten Stück "Lulu" am Berliner Ensemble. Lässt Ihnen Wilson genug Freiheit?

Angela Winkler: Bei Wilson ist man in einem Bild und damit auch in einer Form drin - und diese letzte Arbeit war schon ganz schön happig. Bei Peter Zadek konnte ich ein Spielzeug sein, und zwar immer anders: Das ist ja das Schöne bei einem Spielzeug, dass das Kind es immer anders benutzt...

Berliner Morgenpost: ...mal ist die Puppe böse, mal ist sie lieb...

Angela Winkler: ...dann hat sie einen Wutkrampf, dann wird ihr das Bein abgerissen - und so hat Zadek ja auch gearbeitet: Der hat sich gelangweilt, wenn wir immer dasselbe machten. Wir mussten Mut auf der Bühne haben und einfach drauf losspielen - und miteinander spielen, das war ganz wichtig. Und dann kam ich zu Bob Wilson, und da habe ich erst gedacht: Oh, das ist ja 1000 Grad anders als bei Zadek, da werde ich mich bestimmt nicht wohl fühlen.

Berliner Morgenpost: Zadek liebte eben seine Schauspieler...

Angela Winkler: ...ja, das war schon eine Liebesbeziehung - ganz gleich ob Mann oder Frau. Er verlangte ja auch, dass man als Schauspieler sein ganzes Leben auf die Bühne brachte: Wenn man einen Streit mit seinem Partner hatte, sah Zadek das, wenn man zur Probe kam - er war ein wahnsinniger Menschenkenner.

Berliner Morgenpost: Sie leben im Trubel einer Großstadt.

Angela Winkler: Wenn meine Tochter Nele jetzt in eine WG zieht, dann hält mich auch nichts mehr in Berlin. Ich lebe sehr gern hier, aber ich will nicht immer da leben, sondern wieder so, wie ich früher gelebt habe. Auf dem Land höre ich die Vögel zwitschern, das Meer rauschen und habe einfach mehr Muße - in der Stadt ist immer wieder Sirenengeheul, und dann denke ich: Schon wieder der nächste Kranke, schon wieder der nächste Tote - o Gott, gleich bin ich dran.

Renaissance Theater , heute um 20 Uhr, Karten: 14-24 Euro Tel. 312 42 02