Geitels Geschichten

Oper für den Monarchen

Carl Orffs "Carmina burana" begann sehr früh, ein musikalisches Volksstück zu werden. Nicht einmal die Nazis konnten das auf die Dauer verhindern.

Anderthalb Männer standen schließlich dem Werk hilfreich zur Seite, als es am 20. Dezember 1941, gekoppelt mit Werner Egks Ballett "Joan von Zarissa", in Berlins Kroll-Oper herauskam. Der eine war Herbert von Karajan am Dirigentenpult. Der Halbe auf der Bühne, halten zu Gnaden, war ich: ein Schüler noch, aber dennoch schon Edelstatist des Hauses. Ich fand Orffs "Carmina" einfach umwerfend. Das lag natürlich auch daran, dass ich als Junge noch keinen Strawinsky gehört hatte, keinem Alban Berg. Von Arnold Schönberg und seiner Zwölftonmusik zu schweigen. Die waren ja alle verboten.

Selbst von Gustav Mahler hatte ich damals noch kein einziges Tönchen gehört. Kein Wunder also, dass ich Orffs Tonsprache, überdies die geheimnisvolle Mischung aus Latein und altem Deutsch in den Texten der "Carmina" faszinierend fand, zumal wir uns in der Schule damals gerade mit dem Althochdeutschen abplagten. Dass aber Orffs "Carmina" bis heute zum meistgespielten zeitgenössischen Werk heranwachsen würde, hätte ich niemals gedacht.

Den Komponisten habe ich erst Jahrzehnte später kennengelernt und ihm respektvoll die Hand gedrückt. Das aber geschah nicht etwa in München, sondern mitten in Afrika. Man hatte mich zu einem Festival nach Dakar eingeladen. Ausgerechnet im Senegal also stieß ich auf Orff. Das aber war im Grunde kein Wunder. Es trommelte in Dakar von überall her auf den Straßen. Die halbe Bevölkerung des Landes schien auf den Beinen und sich außerhalb der Geschäfte, Büros und Wohnungen versammelt zu haben. Sie vertrieb sich improvisatorisch die Zeit bis zum großen Augenblick, da nicht etwa Orff, sondern Kaiser Haile Selassie von Äthiopien, frisch gelandet zum Staatsbesuch im Senegal, in seiner Luxuskarosse durch die Stadt fahren würde.

Man trommelte buchstäblich Heil und Segen auf sein Haupt hernieder und zwar in den sinnverwirrendsten rhythmischen Varianten, von denen sich wohl selbst Orffs richtungweisendes Schulwerk nichts hatte träumen lassen.

Die Deutsche Botschaft (oder das Goethe-Institut) hatte Orff damals eingeladen, den Senegalesen beim Trommeln einmal gründlich auf die Finger zu schauen und ihre Schlagzeugmanie eventuell in neue, künstlerisch fruchtbare Wege zu zwingen. Ich wage zu bezweifeln, dass das gelang. Man lernt schließlich auch nicht mit dem Magen zu atmen, bloß um den Lungen Freizeiten für luftigere Ausflüge zu bescheren.

Selbstverständlich nahm sich Orff mit vollem Ernst und höchster Autorität der herausfordernden, aber wohl doch hoffnungslosen Aufgabe an. Ich muss gestehen, ich war damals weniger interessiert an seinem Unterricht als an den Auftritten des Kaisers.

Einige seiner Untertanen hatten gemeinsam eine Oper geschrieben, und die wurde nun im Festival im Dabeisein des Monarchen uraufgeführt. Ich erinnere mich noch deutlich der Scharen von Zuhörern, die verzweifelt an den verschlossenen Türen rüttelten, um der entsetzlichen musikalischen Endlosigkeit zu entkommen.

Ich selbst durfte daran gar nicht denken. Der Deutsche Botschafter, nichts Böses ahnend, hatte mich liebenswürdigerweise in die Vorstellung mitgenommen. Ich saß nur wenige Meter hinter der gebrechlichen Majestät. Haile Selassie ruhte unbeweglich in seinem Thronsessel, den Kopf auf drei Finger der Rechten gestützt. Hörte er angestrengt zu? Oder schlief er gar? Wenn ja, hat er an diesem musikalischen Festabend zu seinen Ehren wenig verpasst.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern