Film

Die Superfänger im Roggen

Dieser Film knüpft auf grundsympathische Weise an das Vertraute an, und dann fällt ihm wenig ein. January Jones etwa, die als gelangweilte Hausfrau in "Mad Men" berühmt wurde, darf hier wieder Erfüllungsgehilfin sein und Sechzigerjahre-Kleider tragen, nur enger und offenherziger.

Manchmal verwandelt sie sich als Emma Frost in einen glitzernden Juwel, was nur folgerichtig erscheint. Michael Fassbender etwa, der in "Inglourious Basterds" den britischen Spion in Deutschland spielte, darf als Erik Lehnsherr erneut deutsch sprechen, was er gut kann. Und Hugh Jackman sitzt als Wolverine ein paar Sekunden lang in einer Bar und knurrt "Go fuck yourself". Für Mutanten ein wichtiger Ratschlag.

"X-Men: Erste Entscheidung", der diese Woche startet, öffnet nach drei Filmen über die Mutanten-Truppen mit den Bauchtanzpuppen einen neuen Schauplatz. Alles noch viel früher. Alles anders. Fan-Neugier wird mit Fan-Nostalgie vermengt: So war das damals. Im Comic-Universum der X-Men mit weit mehr als hundert Kämpfern - die Schurken nicht mitgerechnet - kennt sich sowieso niemand aus. Der Film ruft: Ganz egal, hier noch mal auf leichte Art zum Miterleben.

Die sogenannte Origin-Erzählung gehört fest zum Comic dazu. Besonders die auf Geschichtsmythen versessenen Amerikaner breiten stets aufs Neue aus, wie Batman zu seinem Job kam, wo Spider-Man sein Kostüm wäscht. X-Man Wolverine hat mit "Der erste Mutant" schon seinen eigenen Origin-Film bekommen. "Erste Entscheidung" verfolgt zwei junge Mutanten, Charles Xavier, der Gedanken lesen und lenken kann und später als Professor X die X-Men leiten wird, und Erik, der Metall bewegen kann, von den Nazis im KZ gequält wurde und sich am Ende Magneto nennen wird. Magneto ist dank seines Helms berühmt als der albernste Superschurke des Universums. Zu den hübschen Erkenntnissen gehört jetzt, dass der Helm gar kein Magneto-Original ist, sondern von Russen gefertigt wurde.

Zur Erinnerung: Die beiden alt gewordenen Gegner bekriegen sich in den drei ersten X-Men-Abenteuern (2000 bis 2006); damals spielten Patrick Stewart und Ian McKellen die Mutanten mit Ernst und Shakespeares Sprache. Jetzt, in diesen frühen Tagen, sind sie Freunde, Verbündete, auf der Suche nach einem Ex-Nazi (Kevin Bacon), der irgendwie Feuer, Kanonen, Atomkraft absorbieren und dann von sich geben kann. "Wir sind Kinder des Atoms", faselt er ihm in weitschweifiger Arroganz unaufhörlich nach Superheldendasein und frischen Drinks.

Der Film spielt 1962 während der Kubakrise, angestachelt vom Schurken senden die Russen ihre Raketen nach Kuba. Putzigerweise hat man den War Room aus Stanley Kubricks "Dr. Seltsam" nachgebaut - noch eine Wiederbelebung -, um die US-Militärs darin zum Krieg zu treiben. Aber der Präsident, also Kennedy, spielt überhaupt keine Rolle. Ein Statist. Den geheimen Krieg übernehmen die X-Men. Es wird gestrahlt und geflogen, geschossen und geworfen, und Charles Xavier hält sich entschlossen den Finger an die Stirn. James McAvoy spielt ihn wie einen Meister Yoda mit reichen Eltern und ungetrübter Vorliebe für Mädchen. Psychotricks und Omm-Quatsch und Wohlerzogenheit. Unaufhörlich läuft er hin und her, doch sein Handeln wird nicht richtig klar. Unwissenden muss man vielleicht verraten, dass Xavier eigentlich bekannt ist als der querschnittgelähmte Lenker im Rollstuhl. Nur sein Geist geht auf Wanderschaft. Der junge Professor ist beweglich, aber kaum agiler.

So lange der Film Magnetos persönlichen Rachefeldzug verfolgt, hat er ein Herz, das schlägt. Der Mann ist smart und wütend, seine Kraft wächst mit dem Gegner. Für geflohene Nazis in Argentinien reichen ihm SS-Dolche und Kugeln, später bewegt er gewaltige Stahlmassen. Aber die Autoren und Regisseur Matthew Vaughn zaubern ein Mutanten-Teenie nach dem anderen herbei. Der Film wird zum Adoleszenz-Drama und zur Internats-Posse fürs junge Publikum: die Superfänger im Roggen. Die X-Men und der Gefangene von Askaban. Zwar sind die Actionszenen ordentlich, die Effekte gut, und Emma Frost ist beeindruckend schön, doch schleppt sich die Erzählung ohne internen Nutzen.

Die ersten X-Men-Filme handelten auch vom Unbehagen in der Genetik, es ging um ethische Fragen bei der Veränderung des Erbmaterials, um die Furcht vor dem Anderssein. Sie waren dunkel und seriös. In "Erste Entscheidung" hingegen wird die Geschichte weitgehend vom Ballast befreit und zurückgedreht auf das ursprüngliche Pubertätsempfinden. Die Mädchen und Jungen wollen aus ihrer Haut heraus, können aber nicht.

Die Marvel-Comics, zu denen "X-Men" gehört, retten sich seit Jahren mit Figurenaustausch, Crossover-Pseudo-Ereignissen über die Runden. Im Comic-Film "Thor" gab es zuletzt fast mehr T-Träger und Querverstrebungen zu kommenden Filmen als echte Geschichte. Darin liegt die wahre Tragik der bemitleidenswerten Mutanten. All ihre Kräfte verpuffen sinnlos. Sie können Schiffe heben oder versenken, aber keinen Frieden schließen.