Musik

Ein Dirigent an den Reglern

Im Staub der Straße liegen große Namen. Westbam und Marusha stehen auf den Flyern, Technostars der neunziger Jahre, und die Leute laufen achtlos über sie hinweg. Die Zettel werben für den "Berlin Summer Rave" am alten Tempelhofer Flughafen, zehn Kilometer Luftlinie entfernt von der Berliner Wuhlheide, wo gerade 17 000 unterwegs sind zu Paul Kalkbrenner, zur ausverkauften Parkbühne.

Der Sommer-Rave findet am selben Abend statt wie Kalkbrenners Konzert, sein Stadion-Rave. Am nächsten Tag tritt er noch einmal auf, wieder vor 17 000 Menschen. Er ist da, wo Westbam und Marusha nie mehr sein werden. Paul Kalkbrenner spielt heute Techno in der Liga volkstümlicher Rockbands, mit den Ärzten oder Rammstein.

Eigentlich genügt dem Musiker ein Tisch mit schwarzem Tuch, wo er seine Geräte abstellt, neben leistungsstarken Lautsprechern und einer großzügigen Tanzfläche für seine Gäste. Scheu erscheint er auf der Bühne zwischen leuchtenden Pyramidenstümpfen. Videoschirme machen ihn auch für die Oberränge sichtbar. Seinen kahlen Kopf und seine goldenen Turnschuhe, die er zum grauen Shirt als Markenzeichen trägt wie ein ironisches Zitat des alten DJ-Adels.

Kalkbrenner legt seine Zigaretten ab, neben die Wasserflasche und den Laptop, winkt, errötet, weil seine Besucher "Paule, Paule!" rufen, und setzt die Musik in Gang. Schlag 20 Uhr, die Sonne glüht noch in den Baumkronen, aber das Stadion tanzt.

Botschafter der Techno-Metropole

Er sei kein DJ mehr, sagt er, sondern ein "Live-Act". Auf der Bühne spielt er virtuos das Mischpult, und es ist ein großer Spaß, ihm dabei auf den Videowänden zuzusehen und zu hören, was dabei heraus kommt. Schwungvoll dreht er an den Knöpfen, wie ein Dirigent beherrscht er seine Regler. Wenn es leiser wird, und wenn der Beat aussetzt, legt er zufrieden seinen Kopf schräg, um den Klängen hinterher zu lauschen. Und weil er sich freut auf den zurück kehrenden Beat und auf die Glücksschreie der Gäste. Alle Schallereignisse werden begrüßt wie alte Freunde. Seine Stücke pumpen wie gewaltige Herzen. Sonnige Sounds für alle. In der Parkbühne sind weiße Flaggen aufgezogen mit den Titeln seines neuen Albums "Icke wieder". Tracks heißen bei Kalkbrenner "Jestrüpp", "Sagte der Bär" und "Kleines Bubu". "Icke wieder" ist eine Art klangkonservatives Mundart-Techno-Album ohne Worte.

Für sein zweitägiges Heimspiel ist Paul Kalkbrenner aus Detroit über Riccione angereist, danach fliegt er nach Ibiza und Barcelona. Er hat kurzerhand den Leitgedanken der Globalisierung umgekehrt: Lokal denken, global handeln. Dazu hat ihm auch sein Filmauftritt verholfen. Vor drei Jahren spielte er sich selbst in "Berlin Calling". Kalkbrenner verkörperte den abgestürzten "DJ Ickarus". So stieg er auf zum Botschafter der Techno-Metropole, die im Film plötzlich wieder zu sehen war, in Clubs wie Maria und Bar25. Berlin rief, und alle Welt fiel ein ins Berghain, um die Wochenenden durchzutanzen.

Heute fängt Paul Kalkbrenner früh an und hört beizeiten wieder auf. "Zu mir kommen die, die arbeiten gehen und dafür sorgen, dass der Laden läuft", sagt er. Die Leute wollen nicht nur tanzen, sie brauchen auch Schauwerte, und Kalkbrenner bebildert seine Bühnenstücke auf dem Video-Triptychon. Man freut sich mit ihm über zackige Formen und spektakuläre Farben, über Eisbrecher, die malerisch durch Schollen pflügen, Glocken, Sinusschwingungen, Gewitterhimmel, Metronome, Pegel im roten Bereich und Wasserpflanzen. Und weil Techno sogar bei Paul Kalkbrenner ein nonverbales Medium bleibt, hat er kein Mikrofon dabei. Er lässt die Stücke sprechen und die Bilder, wo man auf den Monitoren ahnen kann, wie seine Lippen das Wort Wahnsinn formen, wenn er in der Abenddämmerung sein Publikum betrachtet. Als er sich mit "Sky and Sand" verabschiedet, dem Lied auf dem die Stimme seines Bruders Fritz zu hören ist, steht Fritz unter den Zuschauern und lässt sich auf die Schultern klopfen.

Es wird 23 Uhr: Die Anwohner sind müde, und auch die Besucher möchten heim. Zur Nachtruhe zündet Paul Kalkbrenner dann ein Feuerwerk. Und die Musik, zu der man wieder ernsthaft Techno sagen darf, löst ihr Versprechen auch ein: Sie funktioniert als Volksmusik für Menschen mit Geschmack. Am Ausgang stehen leere Busse und verzweifelte Hostessen für den Weg zum "Berlin Summer Rave" mit Westbam und Marusha in die Neunziger. Für viele ist es dafür schon zu spät.