Kunstsache

Goldiges Kleinkind, leider etwas verzogen

Was ist eigentlich Ihre Mars-Strategie? Was? - Sie haben keine? Dann wird es aber höchste Zeit, meint zumindest der Künstler Bjørn Melhus. Die Galerie Zink zeigt gerade sein Video "Mars Recovery - redux", das wie ein Werbefilm für das Rennen zum roten Planeten wirkt. In gestochen scharfen Bildern werden Raketen bestiegen, Sonden abgesetzt und Bordkanonen abgefeuert.

Dazu stellt uns Melhus bohrende Fragen nach unserem persönlichen Engagement bei der Mars-Besiedlung. Ob der intragalaktische Eroberungsfeldzug tatsächlich Erfolg hat, lässt der Künstler offen: Der Film läuft in Endlosschleife. "Mars recovery - redux" ist aber nur ein großartiges Videokunstwerk in der Gruppenausstellung bei Zink, die 21 Videoarbeiten von verschiedenen Künstlern versammelt. Auch sehr schön ist "Las Palmas" von Johannes Nyholm, in dem ein goldiges Kleinkind mittels Bluescreen in eine Filmkulisse hineinmontiert wurde, wo es Harley-Davidson fährt, Bier säuft und ein Touristenlokal zerlegt. Als besonders originell kann Julian Rosefeldts Film "The Opening" gelten, für den der Künstler extra eine Ausstellungseröffnung in einem Hochgeschwindigkeitskarussell veranstaltete. Am Ende hatte die Fliehkraft alle Gäste an die Wand geklebt. Da ist ein Besuch in Zinks vorbildlich kuratierter Ausstellung fraglos gemütlicher (Bis 2. Juli, Linienstraße 23, Mitte).

Die Engländer haben bekanntlich eine Reihe absonderlicher Lebensregeln, die sie unbeirrt befolgen: Den Tee immer genau um Fünf Uhr einnehmen oder die Angewohnheit, einen Kreisverkehr konsequent in falscher Richtung zu durchfahren. Da mutet es nicht allzu exzentrisch an, wenn sich der englische Künstler Martin Creed auch in seiner Arbeit strikte Regeln auferlegt. Bekannt wurde Martin Creed, weil er den Turner Prize gewann, indem er einen leeren Raum zeigte, in dem die Deckenlampen in regelmäßigen Abständen aufleuchteten und wieder erloschen. Seit einigen Jahren interessiert sich Creed nun für Malerei und folgt zum Teil weiter dem An-Aus-Prinzip: Bei seinem "Work No. 1193" - das gerade Teil der Ausstellung "Martin Creed - Paintings" in der Galerie Johnen ist - zog der Künstler einen roten Strich über die Leinwand, so lange bis keine Farbe mehr am Pinsel war. Dann wechselte er zu Blau und zog den Strich weiter, bis keine Farbe mehr an den Borsten klebte. Dann Grün. Und so weiter. Johnen präsentiert ein knappes Dutzend von Creeds absichtlich-zufälligen Konzeptmalereien. Sehr gut gefiel mir auch Werk Nummer 1215, ein vollgekleckstes Bild, bei dem der Künstler Farbtuben auf die Leinwand drückte - aber nur die alten, die er noch im Atelier fand. Creed beweist so, dass die größte Freiheit manchmal die Beschränkung ist (Bis 25. Juni, Marienstraße 10, Mitte).

Regeln scheinen dagegen für Tom Chamberlain nicht zu gelten. Zumindest keine Naturgesetze. Acrylfarbe und Leinwand sind eigentlich tote Materie, doch in der Malerei des 38-jährigen Engländers entwickeln die Dinge plötzlich ein Eigenleben. Chamberlain setzt so lange hauchfeine Pinselstriche auf- und nebeneinander, bis das Bild eine Verwandlung durchmacht, bis es das Licht in einer ganz bestimmten Weise einfängt und zu atmen beginnt. So hebt sich aus dem monochromen Untergrund des nachtschwarzen "Then Again, No" bei längerer Betrachtung eine Kugel aus feinen weißen Fäden, die wie verknäulte DNA-Stränge pulsieren. In "Screen Inclination" löst sich eine weiße Fläche langsam in fünf vibrierende Einzelfarben auf. Die Malerei von Chamberlain findet nie Ruhe und das Auge des Betrachters ebenso wenig. 10 000 bis 17 500 Euro kosten die Arbeiten in der Galerie ScheiblerMitte. Auf Sicht dürften Chamberlains Preise deutlich anziehen. (Bis 31. August, Charlottenstraße 2, Kreuzberg)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien