Fernsehen

Der "Tatort" als Farce: Ein Mord unter bayerischen Kleinbürgern

In der guten alten "Tatort"-Zeit lagen die sozialen Brennpunkte in Duisburg und Köln, in Hamburg und Kiel. In München herrschte stets eine gewisse Exotik, das Flair einer Stadt, in der Schickeria-Künstler und Halbwelts-Gestalten das Bild so sehr bestimmen wie Dirndl-bewehrte Madln, Oktoberfest-Gaudi und Hefeweizen-Gemütlichkeit.

Die bizarren Todesfälle Walter Sedlmayr und Rudolph Moshammer verwiesen auf die Janusköpfigkeit der bayerischen Freiheit: München leuchtet - doch es schillert zuweilen auch.

Die Kommissare Franz Leitmayr und Ivo Batic durchstreiften ihr Revier einst als junge Hunde mit schneller Schnauze und virilem Gehabe. In letzter Zeit sind Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) müder und muffiger geworden, ihre Ermittlungen finden immer häufiger am sozialen wie geografischen Rand von München statt. Diesmal werden sie zu einer Werkstatt im Hinterhof gerufen, in der ein unsympathischer Tunichtgut namens Bernd Lasinger zu Tode gekommen ist. Lasinger hatte seinen dementen Vater Max (Günther Maria Halmer), einen Glasermeister mit dem Fachgebiet Kirchenfenster, sowie seine trübselige Frau Karin (Johanna Gastdorf) und den verstörten Sohn Tobias (Kai Malina) allein gelassen, um sich mit wechselnden jungen Frauen aus Bulgarien zu vergnügen. Niemand trauert um Lasinger, gleich drei Menschen wollen die Verantwortung für den Totschlag übernehmen.

Aber ist dem meistens wirren Max zu glauben, der zu Hause vor sich hin lötet, in der Vergangenheit lebt und kaum ohne Hilfe zur Toilette gehen kann? Mutter Karin leidet still und als lebender Vorwurf an die Gesellschaft, die sie an den Schwiegervater gekettet hat. Sohn Tobias flüchtet immerzu auf dem Fahrrad vor den Fragen der Ermittler. Offenbar gab es auf dem Hof einen Streit vor dem Tod des Unholds, in den eine verschwundene Frau verwickelt war. Und weshalb hat der seifige Anwalt Roggendorf eine Vollmacht für die Angelegenheiten des kranken Max?

"Gestern war kein Tag" ist wie ein Stück aus dem Volkstheater von Franz Xaver Kroetz, eine plakative Farce aus dem kleinbürgerlichen Vorort Alt-Perlach. Batic bedauert den konfusen Alten, Leitmayr zweifelt an dessen Umnachtung. So, wie Vater Max die Existenz der Familie bestimmt, so dominiert Schauspieler Günther Maria Halmer den Film: Mal bemitleidenswert, dann mit der Schläue eines einst starken Mannes tapert er durch seine Geisterwelt.

Das Buch von Pim Richter und Daniela Mohr müht sich um Redlichkeit, doch bald rücken jene Pflegerinnen aus dem armen europäischen Osten in den Blickpunkt, die noch jeden Film über Alters-Demenz zur doppelten Tragödie werden ließen. Dass die Leut' in Alt-Perlach den Nachbarn helfen, passt dem gierigen Anwalt Roggendorf gut in den Kram: Der Nicht-Bayer Jürgen Tarrach gibt einen jovialen Gutmenschen, er profitiert von einem Elend, das er nicht gemacht hat. Leitmayr und Batic ermitteln in einem Milieu, für das ihnen jede Kompetenz fehlt. Die letzten Fragen, die "Gestern war kein Tag" stellt, sind keine der Polizeiarbeit und nicht solche der Justiz. In Bayern sind es meistens Fragen des Glaubens: an den Herrgott.