Philharmonie

Präzise, ungekünstelt und über 5 Stunden: Die Meistersinger

Irgendwann lächelt Robert Dean Smith schmachtend ins Publikum wie es nur Tenöre können, die bekanntlich immer und überall eine große Rolle spielen müssen. In der Philharmonie gibt er den beinahe liebestollen Ritter von Stolzing. Und irgendwann wird der Tenor das einzige Glas Wasser, das zwischen den Stühlen und Notenständern auf der Bühne im Wege steht, umschütten.

Dann fällt er aus der Rolle und wirkt einen Moment lang ein wenig beschämt. Eigentlich sind Wagners "Meistersinger von Nürnberg", so will es Chefdirigent Marek Janowski, eine konzertante Aufführung. Sein mehrjähriger Wagner-Zyklus ist eine persönliche Gegenbewegung zum Regietheater, das in den Opernhäusern durch wilde Inszenierungen nur vom Musikalischen ablenkt. Deshalb stellt Janowski sein Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin ins Zentrum der Aufführung.

Das ist nobel gedacht, aber der Begriff konzertant bleibt natürlich relativ. Was zutiefst menschlich ist. Einerseits hat das Publikum bei einer solch vertrauten Repertoire-Oper wie den "Meistersingern" genügend Bilder im Kopf, und so wird die konzertante Aufführung zum Kopfkino. Andererseits teilen sich die Solisten in zwei Gruppen auf: Die Schönsinger wie Albert Dohmen, der seinen Hans Sachs mit sonorer Bass-Gelassenheit vorführt, stellen sich brav an die Rampe. Dieser Sachs lässt sich nicht von der kokettierenden Eva (geradezu übermächtig: Sopranistin Edith Haller) aus seiner altmännlichen Ruhe bringen - er schaut lieber in die Noten. Die Rampensäue dagegen versuchen, mit Mimik und Gestik ihre Rollen zu vertiefen. Diese Sinnsuche findet natürlich hinterm Rücken von Marek Janowski statt, der mit leidenschaftlicher Gebärde durch den fünfeinhalbstündigen Abend führt und seine durchweg hörenswerte Sängerriege nur bedingt im Auge hat.

Es gibt eine Reihe von Überraschungen an diesem langen, großen Abend. Wenn der werbende Beckmesser, den Bariton Dietrich Henschel mit leicht schräger Gequältheit ausstellt, sein Ständchen singt und vom hämmernden Sachs gestört wird, sitzt das Publikum quasi mitten im musikalischen Tohuwabohu. Es kommen tatsächlich Gefühle zwischen Mitleiden und Mitlachen auf. Selbst im Orchester sind schmunzelnde Musiker zu entdecken, wann sieht das Publikum das schon mal. Für einen Running Gag sorgt Matti Salminen in der Kleinstrolle des Nachtwächters. Zuerst erscheint der finnische Bass oben vor der Orgel, dann unten auf der Bühne. Dem Altmeister, dessen ganz eigenes Stimmtimbre immer noch zu erkennen ist, fliegen die Sympathien seines langjährigen Publikums zu. Wenige, dafür sehr große Momente sind dem Rundfunkchor Berlin zu verdanken. Es ist immer wieder verblüffend, wie präzise und vor allem ungekünstelt dieser Weltklasse-Konzertchor die räumlichen Dimensionen der Philharmonie in Sekundenschnelle ausfüllt. In diesem Klangverständnis sind sich Chor und Orchester auch vertraut. Das Rundfunk-Sinfonieorchester ist in diesem Zyklus dabei, sich Wagner ohne jedes Opern-Rumtata anzueignen. Einige Konzentrationsschwächen bei Seite geschoben: Die "Meistersinger" gefallen in ihrer Frische, Geradlinigkeit, Ehrlichkeit. Am Ende jubelt das Publikum.