Philharmonie

Simon Rattle schlägt tiefe Schneisen in Mahlers Sechste

Sir Simon lässt seine philharmonischen Massen sofort losmarschieren. Unbeirrbar energisch beginnt Mahlers Allegro der sechsten Symphonie. Es ist, als hätte der Dirigent eine Dampfwalze angeworfen, die unaufhaltsam gleich das erste Pianissimo der Holzbläser überrollen will.

Leise oder fahle Stimmungen haben kaum eine Überlebenschance. Rattle setzt auf gerade Schneisen durch das Mammutwerk, es ist eine verzweifelte Perforcetour, die Stimmungsbilder sausen vorbei, ohne sich selbst zu reflektieren. Es ist eine ganz eigene und wundersame Art der Getriebenheit, die der Dirigent heraufbeschwört.

Mahlers Sechste in der Konstellation hat schon eine besondere Bedeutung: Simon Rattle hatte mit der Symphonie 1987 bei den Berliner Philharmonikern debütiert, seit 2002 steht er ihnen als Chefdirigent vor und sein Vertrag ist bereits bis 2018 verlängert. Das klingt nach tiefer Seelenverwandtschaft, was es aber nicht war. Rattle selbst erzählt die Geschichte, wonach ihm sein Vorvorgänger Herbert von Karajan einmal sagte, die ersten fünf Jahre bei den Philharmonikern seien nur eine Übergangszeit. Rattle schlussfolgert, bei ihm waren es sogar sieben oder acht Jahre. Quasi bis gestern.

Schaut man heute auf das riesige Mahler-Orchester auf der Bühne, dann fällt sofort ins Auge, dass sich dort eine neue Generation von Philharmonikern versammelt hat. Die Altgestandenen, die einstigen Karajan-Gefolgsleute, sind überwiegend verschwunden, mittlerweile gibt es eine bunt gemischte Rattle-Gemeinschaft. Das Spitzenorchester, genau genommen jedes Orchester, ist am besten, wenn es von einem Chefdirigenten über einen langen Zeitraum geformt wird. Zweifellos atmen Rattle und seine Philharmonikern mittlerweile die gleiche Berliner Luft. Atemvoll ist ihr Mahler.

Das singende Andante bleibt auf zweiter Position, auch wenn viele Dirigenten und Musikforscher es anders diskutieren und praktizieren. Manchmal ist es schwierig, sich auf verwirrende Erinnerungen von Witwen, Erben oder gute Freunde zu stützen. Rattle verknüpft lieber das Scherzo mit dem Finale - dadurch entsteht ein Riesenepos. Insgesamt dauert seine Symphonie 84 Minuten, andere kosten das Werk länger aus. Über die äußere Brutalität der Sechsten und ihrer inneren Tragik, über Mahlers visionäre Sicht auf das kommende 20. Jahrhundert ist schon viel sinniert worden. Aber Rattle folgt keinem Weg einen Berg hinauf und auch nicht hinab in den düsteren Abgrund. Er zeigt einen Lebensweg des sich ewig Aufbäumens und Weitergehens - bis hinein in die lange Stille nach dem letzten Aufschrei. Erst nach der von Rattle verordneten Entspannung setzt es Riesenjubel.

Kombiniert wurde Mahler mit Alban Bergs Drei Orchesterstücken, die - und da zitiert Rattle gern den Komponisten John Adams - klingen, als hätte man Mahlers Sechste in eine Müllpresse getan. Es lässt sich tatsächlich nicht zur Biomüllpresse schönreden. Berg, der Schönberg-Schüler und Mahler-Bewunderer, verknappt seine drei Sätze in feinnervige, dichtgefügte Grundstimmungen. Sie lassen dem Hörer kaum Raum zum Luftholen.