Volksbühne

Punk's not dead: Olli Schulz erinnert an seine Jugend

"Ist hier jemand über 18?", prollt ein verlebter Glatzkopf, dessen verdelltes Gesicht ahnen lässt, dass er beim Stagediven öfters als wünschenswert nicht aufgefangen wurde. Er schlurft die Treppe der Volksbühne hoch, bewaffnet mit der standesgemäßen grünen Becks-Flasche und wirft sich in einen dieser Klappstühle.

Um ihn herum, er hat ja nicht ganz unrecht, jede Menge Jungvolk, was so nicht zu erwarten war.

Ein Deutsch-Punk-Abend stand am Donnerstag auf dem Programm und insgeheim hatte man natürlich auch befürchtet, es würde ein traniges Veteranentreffen werden und Punk damit endgültig in dem gleichen Nostalgieloop kreisen, in dem Metall Rock und New Romantics seit 20 Jahren oder so zu finden sind. Dass es zu einer sehr heutigen Veranstaltung wurde, lag auch an Turbostaat; eine der wenigen - neben Pascow fällt einem beim besten Willen keiner ein - respektablen, existierenden deutschen Punkbands, die sich in den letzten gut zehn Jahren zusammenfand. Turbostaat trat zum Abschluss des Abends auf, vor einem bemerkenswert textsicheren Publikum.

Zuvor war Olli Schulz, so der Titel, "auf die Suche nach dem Herz der Republik". Olli Schulz ist eines der wenigen Naturtalente, das mit Wortwitz und Schlagfertigkeit gesegnet ist und dem man selbst gern zuhört, obwohl ein Ende nie abzusehen ist. Für seinen Albumtitel "Brichst du mir das Herz, dann brech' ich dir die Beine" hat er einen ewigen Platz in der Ruhmeshalle deutschen Liedgutes verdient. Eigentlich sollte der Abend, so erzählt er zumindest, erst am Ende seiner Tour, die der Begleichung seiner Steuerschulden dient, stattfinden, doch nun findet aus komplizierten Gründen dieser Abschlussabend vor seinem Abschlusskonzert in Cottbus statt. An Cottbus hat er im Übrigen, wie die meisten Nicht-Cottbusser, nicht die beste Erinnerungen, weil er dort beim letzten Mal vor acht Leuten auftrat, und einer der Gäste sich die ganze Zeit vor der Bühne postierte und ihn wie ein obskures, aber am Ende doch possierliches Tierchen per Handykamera filmte.

Dann bricht Olli Schulz zur "Achterbahnfahrt durch die Jugend" auf. Er erzählt eine Kurzgeschichte, die er immer wieder unterbricht, und so wächst und wächst die Kurzgeschichte fast zu einem Roman. An seine Schulzeit in den späten achtziger Jahren in Hamburg erinnert Olli Schulz. Er ging in die achte Klasse, ein bekanntlich für die Musiksozialisation entscheidender Lebensabschnitt, und war fast hoffungslos verloren, drohte er doch Fan von Klaus Lage zu werden. Nur Schulkamerad Lars Eggers rettete ihn und besorgte ihm "das geile Zeug": Razzia, Boskops, Hass. Lars Eggers war ansonsten ein unberechenbarer, gewalttätiger Drecksack. Zur sinnlichen Demonstration bekommt jeder Zuschauer eine Stofftüte, in der sich unter anderem ein Zahnstocher befindet. Mit dem solle man, so Olli Schulz, während des Abends unvermittelt seinen Sitznachbar stechen, nur um nachvollziehen zu können, was es bedeutet, mit Lars Eggers befreundet zu sein.

Den fiesen Bruder von Lars Eggers spricht Bela B. mit sichtlichem Vergnügen. Er ist auch nicht mehr so jung. Das Blatt hält der Sänger und Schlagzeuger der Ärzte verdächtig weit von sich weg. Man möchte es gar nicht wissen, ob ein Held der Jugend schon reif für die Lesebrille ist.