Interview mit Hans Steinbichler

"Das war ein Schock für mich"

Hans Steinbichler hat sich mit nur wenigen Filmen, "Hierankl" und "Winterreise", als einer der außergewöhnlichsten deutschen Filmregisseure etabliert. "Das Blaue vom Himmel", der heute in Berlin Premiere feiert, ist der persönlichste Film, den der 41-Jährige je gedreht hat. Peter Zander hat ihn dazu befragt.

Berliner Morgenpost: Herr Steinbichler, wir mussten den Termin mehrmals verschieben, weil Ihre Frau kurz vor der Entbindung stand. Ist es denn jetzt überstanden?

Hans Steinbichler: Ja, es war überfällig, aber jetzt ist das Mädchen endlich auf der Welt.

Berliner Morgenpost: Ist ja verrückt. Manche sagen, ein neuer Film sei ja auch so etwas wie die Geburt eines Kindes. Ist das nicht beinahe zu viel, zwei Kinder auf einmal...?

Hans Steinbichler: Kinder sind so einmalig, da würde man sich verheben, wenn man sie mit Filmen vergleicht. Aber ja, die Zeit, die man mit einem Film verbringt, ist schon sehr lang, das hat etwas von einer Schwangerschaft.

Berliner Morgenpost: Wir wollen weniger über Kinder als über Mütter sprechen. Ihr neuer Film handelt von einer Alzheimer-kranken Mutter. Im Vorspann steht die Widmung "Für unsere Mütter". Deshalb muss ich fragen: Gibt es da eigene, persönliche Bezüge?

Hans Steinbichler: "Winterreise" habe ich "unseren Vätern" gewidmet. Da habe ich mich mit Vaterbezügen auseinandergesetzt. Hier aber, Sie haben Recht, ist der Bezug viel konkreter. Das Drehbuch zu "Das Blaue vom Himmel" wurde mir angeboten, vier Monate nachdem bei meiner eigenen Mutter Alzheimer diagnostiziert wurde. Das habe ich, außer Ihnen, wirklich noch niemandem erzählt. Es hat mich seltsamerweise bislang auch noch niemand auf diese Widmung angesprochen. Ich fand das unfassbar, dass ich auf dieses Buch traf. Da geht es ja nicht nur um Alzheimer. Meine Mutter ist auch eine Vertriebene, wie die Marga im Film.

Berliner Morgenpost: Da scheint Sie das Buch ja wirklich gesucht und gefunden zu haben.

Hans Steinbichler: Ich glaube nicht an Schicksal, aber sehr stark an Verknüpfungen. Für mich war das ein wahnsinniger Schock: Du gehst mit jemandem zum Arzt, du hast einen Verdacht, und dann diese Diagnose. Dann habe ich diesen Film begonnen, ich dachte, so kannst du dich auseinandersetzen und vielleicht auch etwas begreifen lernen.

Berliner Morgenpost: Hannelore Elsner hat mir gegenüber ihre Rolle leidenschaftlich verteidigt. Die wollte nichts von Krankheit hören.

Hans Steinbichler: Es gibt einen sehr schönen Film über Alzheimer, "An ihrer Seite" mit Julie Christie. Ich wollte aber einen ganz anderen Weg gehen. Ich wollte keine Krankheit beschreiben, sondern einen Charakter. Und mir war es wichtig, dass ich eine so starke Schauspielerin wie Hannelore finde. Wo man die Krankheit zwar wahrnimmt, sie aber fast vergisst, weil sie so eine Stärke hat. Und Hannelore hat wirklich während des Drehens mit Zähnen und Klauen das Verhalten von Marga verteidigt.

Berliner Morgenpost: Wusste Frau Elsner denn von Ihrer Mutter?

Hans Steinbichler: Ich muss gestehen, nein, das weiß sie nicht. Das war mir sehr wichtig beim Drehen, dass es um die Geschichte gehen sollte und überhaupt nicht um mich.

Berliner Morgenpost: Wie hat denn Ihre Familie Ihr Filmprojekt aufgenommen? Gab es Zustimmung oder eher Zweifel, ob man so was machen darf?

Hans Steinbichler: Mein Vater hat bäuerliche Wurzeln, meine Mutter ist eine Sudetendeutsche, die ein Leben lang hart gearbeitet hat. Für beide ist das, was ich tue, das Filmen, etwas ganz Fremdes. Meine Mutter freut sich, dass ich diese Geschichte erzähle. Mein Vater auch. Es wurde aber nie diskutiert, ob ich das machen könne oder nicht. Das hätte auch keine Auswirkungen gehabt.

Berliner Morgenpost: Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen: Wie schwer ist die Krankheit Ihrer Mutter?

Hans Steinbichler: Sie ist nicht so schwer. Sie lebt noch zuhause, auf dem Land. Sie erinnert sich wahnsinnig gut an die alten Zeiten, aber ihr Kurzzeitgedächtnis funktioniert nicht gut. Und meine Mutter hatte ein phänomenales Gedächtnis! Wenn Sie das Gehirn als Raum begreifen wollen, dann merke ich, wie dieser Raum sich immer weiter nach hinten verschiebt. Wie eine Sprungwand im Theater. Wenn man hinter diese Tür tritt, ist alles perfekt. Aber der Raum davor wird immer größer. Mein Vater arrangiert sich mit der Krankheit, will es manchmal aber nicht akzeptieren und macht dann Merkspiele und Denkaufgaben mit ihr, was natürlich sinnlos ist. Und ich habe eben versucht damit umzugehen, indem ich diesen Film mache.

Berliner Morgenpost: Hatte das für Sie therapeutische Wirkung?

Hans Steinbichler: Ja, mit Sicherheit. Aber man muss sich mit dieser Krankheit auch auseinandersetzen, wenn man gar nicht selber betroffen ist. Denn wir stoßen da als Gesellschaft auf etwas, das gigantisch ist in seinen Auswirkungen.

Berliner Morgenpost: Noch scheint die Krankheit ein Tabu zu sein. Die Diskussion beginnt doch erst, seit der Sohn von Walter Jens die Krankheit seines Vaters beschrieb und Arno Geiger "Der alte König in seinem Exil" vorlegte.

Hans Steinbichler: Zuerst war es Ronald Reagan. Damals schien mir das noch eine amerikanische Krankheit, aber erstmals hat da jemand das schamvolle Schweigen gebrochen, kam aus der Deckung und wagte es, die Krankheit öffentlich anzusprechen. Der nächste große Fall war Walter Jens, ausgerechnet einer der größten Denker unserer Republik. Jetzt kam gerade Arno Geigers Buch heraus, die Abstände werden immer kürzer. Und dann erschießt sich vor zwei Wochen Gunter Sachs. Und schreibt auf seinem Zettel: "Wegen A." Diese Chiffre. Das hat mich noch mal sehr berührt, dass das so ins Bewusstsein dringt. Ich glaube ja, dass diese Krankheit etwas Kulturelles in sich birgt.

Berliner Morgenpost: Das müssen Sie jetzt erklären.

Hans Steinbichler: Das wird immer mehr treffen wegen unserer Lebenserwartung. Und wir werden - das unterscheidet Alzheimer von den wirklich destruktiven Krankheiten - kulturell darauf reagieren, wie wir früher unsere Erinnerung speichern. Ich habe aus diesem Grund etwa vor zwei Jahren einen Dokumentarfilm über die Familie meines Vaters gemacht, "Die halbe Wahrheit". Da habe ich ihn und seine sechs Geschwister zusammengebracht, weil ich Angst hatte, dieser Speicher könnte verloren gehen. Wie ich das bei meiner Mutter erlebe. Sprich: Im besten Fall wird das Bewusstsein dieser Krankheit dazu führen, dass man sich früher mit der Speicherung von Wissen und Erinnerung beschäftigt.