Philharmoniker

Die Provinz lockt mit Geld und Freiheit

"Wir sind auf dem Weg zu einem neuen, spannenden Jahr", sagt Chefdirigent Sir Simon Rattle. Für ihn scheint es gut zu laufen, er ist in bester Laune.

Beiläufig konnte bei der Saisonvorschau der Eindruck entstehen, dass die Philharmoniker ihrer Heimat Berlin irgendwie abhanden kommen: Das Spitzenorchester will sich verstärkt in den Metropolen der Welt vorstellen, eine Residenz führt sie im Februar 2012 in die New Yorker Carnegie Hall; eine große Asientournee steht im Terminkalender, insgesamt sind 29 Konzerte auf Reisen geplant - und überhaupt tauchen die Philharmoniker zunehmend in virtuelle Welten ab. Das mutige Projekt der "Digital Concert Hall" wird weiter ausgebaut, ein Drittel der Abonnenten sitzt übrigens in Japan und verfolgt die Konzerte aus Berlin. Darüber hinaus sollen drei Konzerte in 30 deutschen und weiteren 30 europäischen Kinos übertragen werden.

Und damit nicht genug: Mehrfach wurde gestern wiederholt, wie sehr man sich auf die Zusammenarbeit in Baden-Baden freut. Aber das ist ein laufendes, von Dissonanzen begleitetes Verfahren und so reicht Intendant Martin Hoffmann umfangreiche Erklärungen nach. Nach dem kurzerhand verkündeten Rückzug aus Salzburg wollen die Philharmoniker in Baden-Baden ab 2013 einen Neuanfang wagen. "Wir streben eine sehr langfristige Zusammenarbeit an", sagt Hoffmann.

Der erst 2009 verkündete Salzburger Neuanfang der einst von Herbert von Karajan gegründeten Osterfestspiele habe sich nicht eingestellt, eben auch, weil es einen "deutlichen Rückgang der Förderer gegeben" habe. Darüber hinaus wollten die Berliner vier statt zwei Opernaufführungen und die Ausweitung des Kammermusik- und des Educationprogramms. Das alles soll ihnen in Baden-Baden erfüllt werden. "Manchmal ist ein radikaler Bruch das Beste", sagt Olaf Maninger, Solo-Cellist und Medienvorstand, zum Wechsel. Und nicht zuletzt wollen die Philharmoniker keine Kartenpreise von 600 Euro und mehr. Darüber kann Intendant Hoffmann nur mit dem Kopf schütteln. In Baden-Baden soll ein breiteres, jüngeres Publikum gewonnen werden. Ungeklärt bleibt der Übergang, denn Opernproduktionen werden lange im Voraus geplant: In Salzburg wird 2012 noch Bizets "Carmen" unter Rattles Leitung aufgeführt, aber die Osterfestspiele haben sich bereits auf einen Berliner "Parsifal" in 2013 eingestellt. Darüber wird sich noch ausgeschwiegen.

Ein anderer, medialer Konflikt konnte inzwischen fast ausgeräumt werden. Mit dem Start des Silvesterkonzerts in der ARD ab 18,30 Uhr soll es keine Parallelübertragung mehr mit dem ZDF-Konzert der Staatskapelle Dresden unter Christian Thielemann geben. Das Zweite will um 17,30 Uhr starten, über die "paar Minuten" Überlappung wird noch geredet.

Damit nicht der Eindruck entsteht, die Philharmoniker sind in Berlin weniger aktiv: Aber nein, sie werden 94 Konzerte im eigenen Haus, zwei in der Arena Treptow und das große Openair in der Waldbühne spielen. In der Saison wird der Mahler-Zyklus abgeschlossen, angekündigt ist die Uraufführung des Stücks "Weltethos" des Briten Jonathan Harvey nach einem Text des Theologen Hans Küng.