Peter Maffay

Hier grölt niemand herum

Auf dem langen Marsch zur Waldbühne fällt auf: Die Straße ist für Autos gesperrt, die Pilger gehen sittsam auf dem Bürgersteig. Es herrscht eine seltsam friedliche Stille: Hier grölt niemand herum, hier singt niemand probeweise Lieder an.

Und so muss es ja auch sein, denn Peter Maffay ist der Repräsentant der schweigenden Mehrheit, der in Jeans und Weste konservierte Rocker mit dem Wind im Haar und dem Herzen auf dem rechten Fleck. Wir erleben einen Auftritt seiner Band im Rahmen der "Tattoos"-Tournee, mit der Maffay 40 Jahre Bühnen-Präsenz feiert. Das Wetter spielt mit: Regenschauer waren angekündigt, doch während sich das mit 18 000 Zuschauern ausverkaufte Amphitheater füllt, kommt die Sonne durch.

Die Musiker betreten die Bühne, Ben Becker kündigt mit heiserer Begeisterung die "Band aller Bands" an und verhaspelt sich beim "Philharmonic Volkswagen Orchestra". Nach diesem holperigen Auftakt brummt von links ein Motorrad von der Rampe und auf den Videowänden erkennt man: Jawohl, es ist Peter Maffay, wie auf dem Cover von "Meine Freiheit"!

Folgt ein erstes Lob für Berlin und die Waldbühne, in der Maffay - er erinnerte sich allerdings nicht daran, gibt er zu - 1982 erstmals aufgetreten war. Fast nirgendwo sei es so fantastisch. So sympathisch dieser routinemäßige Einstieg ist - eine Art von Kloß hält ihn beim Sprechen zurück, weshalb seine Ansprachen seltsam blass klingen: Das Wetter sei doch angenehm und die heutigen Songs seien "musikalische Tattoos, so haben wir es jedenfalls interpretiert". Noch denkt man über diese gutmütige Metapher nach, als Maffay auf seine angeschlagene Stimme verweist, ein Halstuch soll helfen. Dann fällt die Band rustikal in "Schatten in die Haut tätowiert", bringt schwerfällig "Sonne in der Nacht" und "Kein Weg zu weit", derbe Rocksongs, denen das Gefiedel der Philharmoniker nichts hinzufügt.

Bei "Und es war Sommer" beginnt Maffay mit der Retrospektive, erinnert an den August 1976, und die Kameras zeigen das üppige Dekolleté einer nicht mehr ganz jungen Blondine, ein Raunen geht durch die Arena, und auch Maffay muss lachen: Ja, es werde bald Sommer! Und dann sieht er noch mal als ein Mann die Sonne aufgehen, er singt das nicht mit Pathos, aber es hilft nichts: Neben uns schwenken Cindy, Mandy und ihre Freundinnen versonnen die Arme, eine ruft "Peter!" Zu "Eiszeit" erzählt Maffay von dem großen Wettrüsten, der Apokalypse-Angst von 1982, man sieht die Bilder von Reagan und Breschnew, Atompilzen und verwüsteten Landschaften. Auf einer Gitarre klebt der Spruch "Atomkraft, nein danke!".

Jetzt strahlt die Sonne noch einmal über der Arena und Maffay sagt, wie schön das aussieht. Es folgt "So bist Du", eine seiner größten Schnulzen: "Wir haben es ja etwas mit dem Du!", kichert er. Und zwei Stücke später kommt das "alles entscheidende", so Maffay, "Du" - sein Hit von 1970, den die Band als harschen Blues-Rock anlegt, während alte "Bravo"-Titelblätter mit Maffay gezeigt werden. "Alter Mann" erinnert an einen weisen Thai-Chi-Greis, den Maffay 1986 in China kennenlernte. Cindy und Mandy suchen derweil die Toilette auf. Rechtzeitig zu "Sieben Brücken" kommen sie zurück, die Arme schwenken wieder ausladend, nun singt das Auditorium entrückt mit, während Maffay den Text eher spricht.

Dann erklingt eine sentimentale Ballade vom nächsten "Tabaluga"-Album, wie der Sänger erst anschließend verrät: "Nun ist es ja vorbei!" Dann ist der Moment gekommen, in dem die Philharmoniker schweigen und die Band "Ich bin nur ein Mann" so knorrig und unwiderstehlich spielt, dass es wahrer Rock'n'Roll ist. Wäre Peter Maffay mutiger, würde er jetzt wunderbare alte Songs wie "Charlys Leute" bringen, statt die Gewöhnlichkeit des kneipenüblichen Boogie-Rock zu feiern.

Während die Sonne versinkt, geben wir den Plastikbecher ab. Die Frau am Getränkestand schaut überrascht. Noch niemand wollte die zwei Euro Pfand zurück haben: Auf den Bechern ist Peter Maffay abgebildet.