Lesung

Auch Schulbücher sind vor Max Goldt nicht sicher

Eine Lesung von Max Goldt ist ein Wechselbad der Gefühle. Immer wieder muss man lachen. Und immer wieder fragt man sich: War das jetzt ein Witz, oder klang das nur so? So war es auch am Freitagabend im Berliner Ensemble.

Max Goldt betrat den kargen, schwarzen Bühne im adretten Sakko ohne Krawatte - ein gepflegter Herr mittleren Alters im Redakteurslook also - und las trocken und gemächlich aus seinem neuen, mittlerweile 22. Buch, "Gattin aus Holzabfällen" sowie aus alten und noch unveröffentlichten Texten. Und bewies mit jedem Text, dass kaum einen anderer Satiriker ihm in Punkto Spracheleganz das Wasser reichen kann.

Goldts Humor lehnt die politischen Themen des traditionellen Kabaretts als uncool und die Schenkelklopferei des Comedians als primitiv ab und stürzt sich stattdessen auf die kleinen Dinge - die Sehnsucht hässlicher Menschen danach, stylisch zu wirken. Einen besonders lächerlichen Dialog in einem Schulbuch zum Lernen der deutschen Sprache. Oder die TV-Polittalkshows der Damen Illner, Will und Maischberger, die nicht voneinander zu unterscheiden sind. Und immer wieder der unbestechliche gesellschaftskritische Blick auf Promis, Kleinbürger und andere nervige Menschen, die sich nicht so elegant und intelligent verhalten oder wenigstens ausdrücken wie Goldt selbst.

Als Goldt in den Spätachtzigern in den Seiten des Satiremagazins "Titanic" damit anfing, war es neu und aufregend; man konnte gar vom Postmodernismus reden, vom Sieg der Form über den Inhalt. Inzwischen sind die Berliner Lesebühnen voller Goldt'schen Alltagshumoristen, die Woche für Woche kleine, feine Texte herzaubern, und irgendwann ist es nicht mehr so neu und aufregend. So geht es mir auch im Berliner Ensemble. Ich schmunzele, ich lache, ich schüttele den Kopf, und heimlich wünsche ich mir etwas mehr. Max Goldt ist immerhin einer der scharfsinnigsten Beobachter Deutschlands und einer der einfallsreichsten Sprachkünstler obendrein. Ab und zu eine Beobachtung, die für mein Leben auch wirklich relevant wäre, hätte ich ihm durchaus zugetraut. Doch Max Goldt bleibt konsequent klein und fein.