Klassik

Bariton Matthias Goerne vergießt Tränen des Weltuntergangs

Den Uraltmeistern am Pult will man gerne abnehmen, dass sie wirklich nur noch das dirigieren, was sie für künstlerisch lohnenswert halten.

Stanislaw Skrowaczewski, der sich dieser Tage mit Werken von Hartmann und Bruckner bei den Berliner Philharmonikern bejubelt sah, ist mittlerweile 87 Jahre alt und kann auf eine große Lebenserfahrung verweisen. Der gebürtige Pole hat zunächst als Pianist begonnen, musste aber aufgrund einer im Krieg erlittenen Handverletzung seine Karriere beenden. Schließlich wurde er Komponist und Dirigent, sein Klangideal hat ihn vor allem in Polen, Deutschland und den USA geprägt. In Amerika mag er seine Liebe zum satten, schneidigen Bläsersound gefunden haben. Dieser Sound beherrscht auch jetzt wieder die Philharmonie: Dabei lässt der schmächtige, bescheiden wirkende Dirigent den Philharmonikern viel Freiraum, er vertraut sich ihnen geradezu glücklich an. Zuletzt stand er übrigens vor 25 Jahren an ihrem Pult.

Skrowaczewski ist das, was man einen ausgewiesenen Bruckner-Spezialisten nennt. Dessen Musik lässt er lebendig fließen, effektvoll konturiert er das harte Aufeinander im Kopfsatz der dritten Symphonie. Aber er ist kein Mann der Gegensätze, des Aufbegehrens, im Herzen ist er ein Romantiker, ein Analytiker der Schönheit. Möglicherweise ist das die Lebensweisheit dieses Altmeisters. Das Adagio kommt als süßliche Verführung daher, das Finale ist imposant inszeniert, verklingt aber ohne größere Nachwirkungen.

Blechgepanzert und, mit flirrenden Streichern wird zuvor das Schlechte der modernen Welt, wie sie Karl Amadeus Hartmann vor fünfzig Jahren wahrnahm, vorgeführt. Seine unvollendet gebliebene Gesangsszene braucht für die Worte aus "Sodom und Gomorrha" von Jean Giraudoux einen charakterstarken, stimmmächtigen Bariton, einen wie Matthias Goerne. Nach einer halben Stunde, die Philharmoniker haben bereits alles auf brutale, einhämmernde Weise kundgetan und sind wieder verstummt, deklamiert der Sänger seine letzten Worte über die "Tränen des Weltuntergangs". Spätestens dann ist klar: Diese Apokalypse ist nichts für uns.