Tatort

Da haben sich zwei gefunden: Ein Ermittlerpaar lehrt das Granteln

Es sind diese besonderen wienerischen Momente, wenn Polizeimajor Moritz Eisner der Endlichkeit ins Auge blickt: Die Amtsärztin verwarnt ihn wegen überhöhter Leber- und Blutdruckwerte und verordnet ihm eine Diät und den Verzicht auf Alkohol und Tabak, und Eisner schaut bestürzt mit seinem gealterten Lausbubengesicht: Hat er das verdient?

Das Leben ist eine Beleidigung für diesen Ermittler, wie Harald Krassnitzer ihn ergötzlich spielt: grantig, zerknautscht und hinter aller Schimpferei zutiefst sentimental. Wenn er am Ende seine Waffe ziehen muss, dann macht er ein Zitronengesicht, das nach Ekel und Furcht aussieht und so, als müsste er gleich weinen.

Nach der niederschmetternden Diagnose wird Eisner zu einem Mordschauplatz gerufen. Seine Assistentin Bibi (von Adele Neuhauser gespielt, als hätte sie nie etwas anderes gemacht) singt derweil im Puff ihres Freundes, des Luden Inkasso-Heinzi (herrlich pomadig: Simon Schwarz) ein Ständchen anlässlich von dessen Haft-Entlassung. Sie gibt das Mikrofon ab, Eisner schimpft. Aber im Auto findet die Alkoholsüchtige seinen ärztlichen Befund: Es steht wieder Unentschieden.

Auf einem Parkdeck wurde eine nackte Leiche in einem Einkaufswagen gefunden, in dem eine bulgarische Münze steckt. Zuvor gab es einen rabiaten Einbruch in ein Juweliergeschäft, bei dem die Bande präzise vorging. Die Spur führt also nach Bulgarien, weshalb die Sonderermittlerin Donka Galabova (Dessislava Urmova) nach Wien geschickt wird, die den Toten als Petko Imanov identifiziert, der als verdeckter Ermittler gearbeitet hatte. Ein weiterer Einbruch, diesmal in ein Autohaus, wurde von Inkasso-Heinzi vorbereitet, der seine Beobachtungen per Telefon an die Räuberbande weitergab. Wieder ist Bibi in Erklärungsnot: Heinzi hatte sie zu dem Autohändler mitgenommen, vorgeblich, um ihr ein Auto zu kaufen. Das Handy, dessen Nummer er gewählt hatte, wird aus dem Mund einer Leiche gezogen, die wiederum in einem Einkaufswagen kauert. Und gefunden wird auch die Visitenkarte des alerten Prominenten-Anwalts (jovial und fies: Bernhard Schir), der den Polizisten allzu selbstgefällig begegnet.

"Ausgelöscht", von Harald Sicheritz nach einem Drehbuch von Uli Breé inszeniert, ist ein Glücksfall der "Tatort"-Reihe: Wenn Krassnitzer nervös durch die schäbigen Räume des Polizeipräsidiums latscht und Wurstsalat aus einen Becher löffelt, gemahnt die Atmosphäre an Sidney Lumets "Serpico", vermittelt durch die Melancholie des k.u.k. Österreich von Joseph Roth. In einem Wirtshaus bestellt Bibi genüsslich Soße zum Braten nach, während Eisner mürrisch im Salat stochert und dann lautstark ein Bier fordert. Die Beiden sind bereits in ihrem zweiten Film ein kauziges, kaputtes und unvergessliches Duo: zwei Verlorene, die bei allem Gezänk aufeinander aufpassen.

Die besten Szenen gehören aber Krassnitzer und Hubert Kramar, der seinen Chef spielt und auf dem Dach des Präsidiums im Mantel seine Zigaretten raucht, angewidert vom immergleichen Treiben und der Vergeblichkeit der Polizeiarbeit. Aufbrausend will Eisner ihn zum Angeln schicken, doch der Vorgesetzte kontert kühl mit einem Schriftstück, das den vorzeitigen Ruhestand Eisners empfiehlt. Dann gibt er ihm einen Packen von Blanco-Durchsuchungsbeschlüssen, Eisners Kindergesicht leuchtet enthusiastisch, und unten liegt die Stadt Wien, entrückt, und Kramar wirft das Blatt mit dem Bulletin achtlos in den Wind, als die Kamera ihn verlässt. Einsamkeit und Ohnmacht wehen durch diese Szenen wie das wehmütige Akkordeonspiel, das die Verbindung nach Sofia instrumentiert. In einer letzten Volte wird der elegische Krimi zu einem ironischen, bittersüßen Gaunerstück. Aber dieser Schmäh wird freilich nicht verraten.

Tatort: Ausgelöscht ARD, Heute, 20.15 Uhr.