Kunstsache

Am schwersten ist die leichte Kost

Ich gebe zu, David Shirgley ist ein schwerer Fall von "Das-kann-doch-jeder"-Kunst. Seine oft recht krakeligen Bilder dürften schon viele Betrachter zur Bemerkung verleitet haben, ihre fünfjährige Tochter sei genauso talentiert. Ist sie nicht.

Es sei denn, sie hat einen ungewöhnlich frühen Hang zum schwarzen Humor und zur Selbstironie entwickelt. Shrigleys Kunst sieht oft leicht gemacht aus, aber wirklich leicht ist sie nie. Er hat vielmehr ein untrügliches Gespür für die absurden Wahrheiten des Alltags: So zeigte er im Herbst auf der Londoner Kunstmesse Frieze einen ausgestopften Hund, der aufrecht stand und dabei ein Schild in der Hand hielt, auf dem "Ich bin tot" steht. Die Galerie BQ in Mitte hat nun eine tolle Ausstellung von Shrigley-Zeichnungen versammelt, die meist dem Prinzip der Tautologie folgen: Auf ihnen steht mit schwarzen Druckbuchstaben erklärend beschrieben, was man in den simplifizierten, aber doch vielsagenden Abbildungen ohnehin sieht. Am besten gefiel mir das Bild "Enter the Shower". Es gibt exakt den merkwürdigen Ausdruck wieder, den man annimmt, wenn einem unter der Dusche der erste Tropfen auf den Kopf platscht.

(Bis 25. Juni, Weydingerstr. 10, Mitte)

Ebenfalls Zeichner, und zwar mit sehr viel seltener missverstandenem Talent, ist Raymond Pettibon. Der L.A.-Künstler hat Hand und Auge am Comic-Stil der sechziger Jahre geschult. Seine Werke sind in Ausdruck und Komposition erstklassig. Die weiteste Verbreitung fand seine Kunst durch das Albumcover der Sonic-Youth-Platte "Goo", das er gestaltet hat. Er hat aber auch schöne entspannte Studien von Surfern unterm Wellenkamm geschaffen. Bei Contemporary Fine Arts hängen nun seine neuen Werke eng an der Wand. In ihnen entfaltet sich ein Zeichenkosmos der amerikanischen Kultur, in der sich nach Pettibons Meinung alles um Cadillacs, Baseball und Sex zu drehen scheint. "Ich habe mein ganzes Studium an der Kunsthochschule dem hier hinterher gejagt", schreibt er und zeichnet ein nacktes weibliches Gesäß dazu. Es geht auch noch heftiger: Ein Blatt zeigt George W. Bush, Condoleezza Rice und Barack Obama beim gemeinsamen Kiffen. An vielen Stellen scheint sich Pettibons Frustration über die Tagespolitik in den Bilderfundus zu mischen. Seine Kunst ist noch nie so wütend gewesen. Auf dem Weg sollte man zur radikalen Bad-Taste-Ausstellung von Anselm Reyle im Obergeschoss der Galerie unbedingt noch einen längeren Zwischenstopp bei Pettibon einlegen.

(Bis 11. Juni, Am Kupfergraben 10, Mitte)

An Reyle wiederum fühlte ich mich für einen kurzen Moment erinnert, als ich die Ausstellung in der Galerie Sommer & Kohl besuchte. Dort zeigt der junge brasilianische Künstler Alexandre Da Cunha seine Serie der "Flag"-Bilder und von Weitem betrachtet sehen die Arbeiten mit ihrer Anordnung vertikaler schmaler Farbflächen tatsächlich so aus wie die bekannten Streifengemälde von Reyle. Von Nahem erkennt man allerdings, dass es Fotografien von Sonnenuntergängen am Strand sind, über die der Künstler geometrische Formen gelegt hat, die an Flaggen erinnern. Es geht in der Arbeit um vieles: nationale Identität, Verlust von Heimat und das Meer, das für Flüchtlinge sowohl Verheißung als auch Unglück sein kann. Da Cunha ist sehr gewandt darin, die Dinge umzudeuten. Das merkt man auch an seinem Kunstwerk "Kentucky (Divider)". Hinter dem Namen verbirgt sich ein schicker grauer Raumteiler, liebevoll vom Künstler in Handarbeit zusammengeknotet - aus 45 Wischmops.

(Bis 10. Juni, Kurfürstenstr. 13, Schöneberg)

Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt jeden Sonntag über die Galerien.