Horenstein Ensemble

Eine neue Generation der Klassikmusiker

Gern pflegen Kammerensembles das Image, sich basisdemokratisch zu verwirklichen. Im Gegensatz zu den großen Orchestern, die immer einen Pultherrscher und Manager brauchen. Kammermusiker, so die schöne Mär, diskutieren alles in der Gruppe aus, aber im Alltag geht es pragmatischer zu. Am Ende meldet sich immer einer der Musiker stellvertretend am Telefon, einer, der vorantreibt, prägt und managt.

Beim Horenstein Ensemble ist es Matthias Benker. Er ist der Kopf der jungen Gruppe, die gerade ihre erste CD "Tempelhof" vorgestellt hat und dabei ist, eine der innovativsten Kammermusikvereinigungen zu werden.

Benker, ein hemdsärmliger Typ um die 40, sagt lächelnd, er habe als Jugendlicher "Lindenberg auf dem Kassettenrekorder gehört". Es beschreibt beiläufig eine neue, vielseitigere Generation von Klassikmusikern, für die die Kulturstadt ein riesiger Spielplatz ist. Die Horensteiner gehören allesamt zum Konzerthausorchester am Gendarmenmarkt, ihre CD haben sie aber "Tempelhof" genannt, weil das für sie ein Symbol des Um- und Aufbruchs ist, gegründet haben sie sich in einem Wilmersdorfer Musikcafé.

Normalerweise sitzt Benker als Bratscher im Konzerthausorchester, dort, wo auch schon sein Vater als Konzertmeister spielte und nebenher ein eigenes Oktett leitete. Sohn Matthias versuchte sich zunächst in einem Streichquartett. Als das auseinanderfiel, beschloss er mit der Geigerin Jana Krämer-Forster, eine größere Formation auszuprobieren. "Ein Ensemble, in dem Streicher und Bläser gemeinsam spielen", sagt er, "und das ein bisschen aus der Reihe fällt." Herausgekommen ist ein Septett, inklusive Harfe. Soweit die offizielle Gründungsgeschichte.

Aber wie immer gibt es auch unausgesprochene Wahrheiten. Zum Beispiel was die Konkurrenz zwischen Konzerthaus und Philharmonie angeht. Die Zwölf Cellisten sind nach wie vor die populärste Kammermusiktruppe der Berliner Philharmoniker. Dagegen versucht sich das Horenstein Ensemble zu positionieren.

Wobei Benker die beiden Ensembles nur künstlerisch vergleichen möchte und den Begriff Konkurrenz weit von sich schiebt. Der Unterschied sei, so Benker, dass die Zwölf Cellisten in ihrer Besetzung sehr festgelegt sind, wohingegen sich das Horenstein Ensemble nach Bedarf flexibel vom Duo bis zum Oktett umbauen kann. Was die Konkurrenten verbindet: Es gibt so gut wie keine historischen Originalkompositionen für diese seltsamen Besetzungen, lebende Komponisten sind aufgefordert, sich einzubringen. Das Horenstein kann sich lediglich auf ein Stück, auf Maurice Ravels "Introduktion und Allegro für Flöte, Klarinette, Harfe und Streichquartett" von 1905 berufen.

Der Ravel findet sich auf ihrer CD wieder - neben Werken von Herbert Howells oder Ralph Vaughan Williams und mit der wunderbaren Sängerin Fionnuala McCarthy. Die Sopranistin gehört zur Deutschen Oper und ist Benkers Lebensgefährtin.

Das Horenstein Ensemble wird tatkräftig unterstützt vom Konzerthaus-Intendanten Sebastian Nordmann, der an einem jungen Image für sein Haus bastelt. Die Kammermusiker wollen selbstverständlich auftreten oder, wie es Benker ausdrückt, ihre "große Lust auf neue Werke" ausleben. Um Geld geht es dabei wohl kaum. Mit Kammermusik - dieser künstlerischen Grauzone zwischen ambitionierten Dilettanten, Musikstudenten und muckenden Orchesterprofis - ist längst nicht mehr viel zu verdienen.

Auf den Ensemblenamen ist Matthias Benker im Wilmersdorfer Klassik-Schallplatten-Café Horenstein gekommen. Dort, wo sich Musiker, Musikmanager oder Klassik-Junkies treffen und in Schallplatten stöbern, hat Benker einmal gefrühstückt, mitgestöbert und den ukrainisch-jüdischen Dirigenten Jascha Horenstein für sich entdeckt. Der war Assistent vom großen Wilhelm Furtwängler und stand 1926 das erste Mal am Pult der Berliner Philharmoniker. Horensteins Einspielung von Mahlers Dritter Symphonie habe ihn besonders beeindruckt, sagt Benker: "Das Feuer wie die Innigkeit." Im April 2008 fand das erste Konzert seines Horenstein Ensembles im Café Horenstein statt.

Dort hat das Ensemble auch seine Liebe zur guten alten Vinyl-Schallplatte entdeckt; die CD "Tempelhof" ist zugleich auf Vinyl erschienen. Der technische Aufwand für die Aufnahme war größer, aber, so Benker, "Vinyl klingt einfach wärmer."

Das Konzert Horenstein Ensemble im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, Kleiner Saal, 10. Juni, 20 Uhr Tel. 203 09 21 01.