Film

Die scheue Siegerin von Cannes

Eigentlich müsste sie sich freuen. Doroteya Droumeva hat vor einer Woche in Cannes für ihren Film "Der Brief" den Hauptpreis des Kurzfilmprogramms Cinéfondation erhalten. Damit ist nicht nur die stattliche Summe von 15 000 Euro verbunden. Sondern auch eine Einladung nach Cannes mit ihrem ersten Langspielfilm.

Eine Carte Blanche also für das wichtigste Filmfestival der Welt, zu dem, wie wir wissen, Deutsche nicht so oft eingeladen werden. Eigentlich müsste sich Doroteya Droumeva also freuen.

Aber die 32-Jährige wirkt sehr verhalten, vorsichtig ausgedrückt. Der Rummel, der nun seit einer Woche über sie hereinbricht, die Gratulationen von Freunden, die sich ewig nicht gemeldet haben, und die vielen Anfragen von der Presse, das scheint sie eher zu verschrecken. Ist sie vielleicht nur schüchtern? Will sie den Triumph für sich im Stillen genießen? Oder kann sie es einfach noch nicht fassen? Richtig gefeiert hat sie jedenfalls noch nicht, sie sei danach lediglich, so viel gibt sie immerhin preis, spazieren gegangen.

Wir treffen uns in einem Café im Prenzlauer Berg. Sie wohnt nicht weit von hier entfernt und kommt oft und gern hierher. Draußen drohen Gewitterwolken einen baldigen Regenguss an, von drinnen tönt recht laut, aber nicht unpassend, Filmmusik. "The Hours" von Philip Glass. Doroteya Droumeva bestellt einen Kaffee, an dem sie nur sehr selten nippen wird. Auch der Fotograf an unserer Seite lockert sie nicht auf, im Gegenteil. Sie mag es nicht, abgelichtet zu werden. Das immerhin ist ein weitverbreitetes Phänomen bei Menschen, die es gewohnt sind, hinter der Kamera zu stehen.

Im "Kindergarten" des Filmfestivals

Sie war es nicht. Das schickt sie gleich voraus. Es war die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb), die ihren Kurzfilm für Cannes eingereicht hat. Eines Tages habe sie dann eine Mail von dem Festival erhalten: Ob sie den Film inzwischen schon woanders gezeigt habe? Das Festival legt Wert darauf, Weltpremieren anzusetzen. Da war der Regisseurin schon klar, dass sie ihren Film haben wollten. Sie haben sie dann auch nicht lange zappeln lassen. Noch am selben Tag kam eine Bestätigung, wieder per Mail. Und wenig später auch noch ein Brief. Der steckte allerdings in der Zeitung. Als Doroteya Droumeva den Briefkasten öffnete, hatte sie ihn gar nicht bemerkt. Erst beim Zeitungslesen fiel er ihr entgegen.

Das passt ja irgendwie zu einem Film, der den Titel "Der Brief" trägt. Und übrigens ebenfalls von einer eher zurückhaltenden jungen Frau erzählt. Maja (Kathleen Morgeneyer) erfährt eines Tages, dass sie schwanger ist, und beschließt, ohne jemanden davon in Kenntnis zu setzen, abzutreiben. Der Vater des Kindes erfährt von ihrem Entschluss über einen Brief.

Seit 1998 gibt es das Kurzfilmprogramm Cinéfondation, mit dem der Filmnachwuchs vorgestellt wird. Doroteya Droumeva bezeichnet ihn als "Kindergarten von Cannes", meint das aber nicht bös: der kleine Wettbewerb neben dem großen. Gut 1000 Einsendungen treffen jedes Jahr aus allen Filmhochschulen der Welt ein, 15 bis 20 werden ausgewählt. In diesem Jahr waren es 16. Unter denen sein zu dürfen war schon Auszeichnung genug. An einen Preis hatte die dffb-Studentin nie gedacht. Obwohl sie sich schon sicher war, "dass mir ein guter Film gelungen ist". Wieder dieser prüfende Blick: Ist ihr hier der richtige Ausdruck gelungen?

Wenn sie von Cannes spricht, wird sie dann aber doch redselig. Nein, sie habe sich nicht fremd gefühlt, alles sei super organisiert gewesen, wie im Pauschalurlaub habe sie sich gefühlt. Die Stars waren ihr egal. Die Partys auch. "Es gibt viele Partys dort. Ich wollte aber Filme schauen und bin lieber in die Nachtvorstellungen gegangen als auf die Feiern." Die Kurzfilme liefen innerhalb von drei Tagen, ihrer wurde als letzter gezeigt. Dann zog sich die Kurzfilmjury für vier Stunden zurück. Die Zeit hat sie am Strand verbracht. Und plötzlich stand sie auf der Bühne, neben Gilles Jacob, dem Festivalchef, und nahm den Preis entgegen. Seither ist nichts mehr wie zuvor.

Sie hat noch ein paar Tage drangehängt. Blieb noch in Cannes. Das hat vielleicht geholfen, wenn man sieht, wie das Festivalgelände abgebaut wird und der Alltag zurückkehrt. Alltag, das möchte sie vielleicht auch wieder haben. Aber immer diese Anrufe. Und Presseanfragen. Wir kommen uns schon ganz schrecklich vor.

Deshalb stellen wir jetzt eine Frage, von der wir denken, sie sei ganz unverfänglich. Aber auch da treten wir voll in den Fettnapf. Die Frage nämlich, ob sie denn in der dffb, in "ihrer" Schule, auch gebührend gefeiert wurde. Darauf möchte sie gar nicht antworten. Kein Kommentar. Wir dürfen uns unser Teil denken. Es wird wohl eine Neidfraktion geben. Eine kurze Zeit schweigen wir jetzt beide betreten. Dafür meldet sich jetzt der Regen und vertreibt uns ins Café-Innere.

Zur dffb kam die gebürtige Bulgarin 2006. Nach Berlin zog sie aber schon 1999, um Psychologie zu studieren. Nicht unbedingt naheliegend bei jemand, der schon immer Filme drehen wollte. Das gibt sie denn auch zu und gönnt sich dabei sogar mal ein Lächeln: "Meine Lebensgeschichte ist nicht linear." Ihr Schwerpunkt war klinische Psychologie, sie stand bereits kurz vor dem Examen. Und bewarb sich bei der dffb, "weil ich dachte, das klappt sowieso nicht beim ersten Mal". Tat es dann aber doch. Und sie zog die Konsequenz. "Ich bereue nicht, dass ich das Studium habe sausen lassen."

Vereinnahmen lässt sie sich nicht

Jetzt will Doroteya Droumeva erst einmal das andere, das Filmstudium beenden. Und ihren Abschlussfilm drehen. Den sie ja dann auch in Cannes zeigen darf. Das setzt sie nicht unter Erwartungsdruck. Sie versteht es aber schon als Ansporn. Und wie soll es danach weitergehen? Wird sie in Berlin bleiben? Wird sie nach Bulgarien zurückkehren? Da hält sie sich alle Optionen frei. "Deutschland ist vielleicht auch nur eine Station." Sie fühlt sich jedenfalls nirgendwo verpflichtet: "Ich lasse mich von keinem Land vereinnahmen."

Inzwischen zeigt sich vorsichtig die Sonne wieder. Und auch das Gesicht der Filmemacherin hellt sich merklich auf. Das Notizbuch wird zugeklappt. Der Fotograf muss noch ein paar Bilder machen. Aber keine Fragen mehr. Und schon bald darf sie wieder selbst die Regie führen.