Auktionshaus

Karstadt vergoldet sich: Villa Grisebach erzielt Rekorde

Das Auktionshaus Villa Grisebach ist für Kunstsammler dieser Tage eine feste Adresse. Knapp 1000 Interessenten baten gestern um eine Zulassung zur Auktion.

Mit Spannung wurde eines der Spitzenlose der Frühjahrauktion erwartet: "Chromatische Scheiben" heißt die Farbkomposition von Ernst Wilhelm Nay, die gestern am späten Nachmittag unter 80 "Ausgewählten Werken" mit einem Schätzwert zwischen 450 000 und 600 000 Euro in der Fasanenstraße aufgerufen wurde. Unter den Hammer kam sie für 750 000 Euro, der Rekord des Nachmittags. Auf weißem Grund tummeln sich blaue, gelbe, rote und grüne Kreise. Mal liegen sie übereinander, mal nebeneinander - ein Fest der Farbe auf mehr als drei Metern Breite.

Das Gemälde ist Teil der Sammlung Arcandor, ehemals Karstadt, die der damalige Vorstandsvorsitzende Walter Deuss in den Sechziger Jahren anlegte. Im Rahmen des Arcandor-Insolvenzverfahrens werden rund 66 Lose versteigert, das erwartete Gesamtvolumen für die Werke hauptsächlich aus dem deutschen Informell beträgt mindestens 1,5 Millionen Euro.

"Nichts bei Karstadt hat sich so vergoldet wie diese Sammlung. Ein Werk wie ,Chromatische Scheiben' wurde 1969 für nur 90 000 D-Mark erworben", so Bernd Schultz, Gesellschafter des Auktionshauses, über die Wertsteigerung dieser Kunst.

Bernd Schulz konnte dem gestrigen Abend ohnehin entspannt entgegensehen, denn am Vormittag war in einer Sonderauktion schon die Sammlung Dolf Selbach versteigert worden und hatte alle Erwartungen übertroffen. Über mehrere Jahrzehnte hatte der verstorbene Herrenausstatter Dolf Selbach, der auch ein Haus am Kudamm hatte, Kunst gesammelt. Diese Kollektion lockte viele Besucher in die Villa Grisebach, ein Interesse, das reichlich belohnt werden sollte.

Nay für 750 000 Euro

Die mit Spannung erwartete Versteigerung von Fernando Boteros "Bonjour, Monsieur Botero" (1982) sprengte mit 590 000 Euro den oberen Schätzwert. Keith Harings hintergründiges Gemälde im Grafitti-Stil "Portrait of Elliot Gross" brachte immerhin 200 000 Euro ein. Das Bild erzählt die schaurige Geschichte eines vermeintlichen Mordes in New York.

Das "Porträt Dolf Selbach" von Andy Warhol brachte es auf 105 000 Euro. Zwar fanden einige hochgeschätzte Lose, darunter Alexander Archipenkos "Zwei weibliche Akte", keine Abnehmer, dafür wurden jedoch nach einer spektakulären Bieterschlacht für Lucio Fontanas abstraktes Gemälde "Concetto spaziale" (1956) 820 000 Euro erzielt - der Rekord der Selbach-Auktion, deren Erlöse insgesamt weit höher waren, als erwartet.

Bereits die Fotografieauktion am Donnerstag mit 190 Losen und einem Gesamtergebnis von 591 700 Euro (inkl. Aufpreis) bezeichnete Bernd Schultz gestern "als einen großen Erfolg". 58 000 Euro, der höchste Preis dieser Auktion, erzielte nach einer heftigen Bieterschlacht die neunteilige Fotoarbeit "Fördertürme, Schuylkill County, PA, USA" (1974-78) von Bernd und Hilla Becher. Zwei Alben mit Privataufnahmen der Familie Schlemmer fanden einen neuen Eigentümer ebenso wie das berühmte Porträt "Ché Guevara" vo René Burri. Insgesamt gehen bis morgen rund 1300 Kunstwerke unter den Hammer, die einen Erlös von 16 Millionen Euro versprechen. Man darf weiter gespannt sein.