Kyoto Tagebuch

Heilig werden für 200 Euro

Die jetzt offiziell eingestandene Kernschmelze interessiert niemanden mehr. In der Kneipe saufen die Studenten das Bier aus 10-Liter-Krügen, Ministerpräsident Naoto Kan nebst Staatsfreunden aus Südkorea und China beißt beherzt in Tomaten aus der Präfektur Fukushima und Kyoto hat nach wie vor über 2000 Tempel.

Sie stehen überall. Manche sind so unscheinbar, dass man sie übersieht und manchmal hält man Anlagen für Tempel, die gar keine sind, sondern nur so genannte Schreinparkplätze. Eine Art Station zwischen Tempel und Straßenfest, denn einmal im Jahr werden die Schreine von Männern unter Beifall durch die engen Gassen gewuchtet und der Oberpriester fährt im Cabrio hinterher. Geht die Prozession durchs Zentrum, sitzt er auf einem Pferd und die Kostüme sind prächtiger.

Doch in diesen Tagen sind selbst die berühmtesten Tempel nahezu leer, es gibt kaum Touristen im Land, man hat das alles für sich allein. Gärten, Teiche, Statuen, Gebetshallen, wenn man Glück hat sogar innere Ruhe. Nachdem ich über zehn Tempel besucht hatte und langsam den Eindruck bekam, ich hätte das alles schon gesehen, nur besser fotografiert, war ich damit eigentlich durch. Aber natürlich kommen jetzt alle. Lieblingstempel hier, Lieblingstempel da und der Steingarten und die Energie und der Schrein und überhaupt. Zuletzt kam Hide, die alte Punklegende. Da habe ich Ja gesagt. Wenn so einer seinen Lieblingstempel zeigen will, sagt niemand Nein. Hide ist ein Punk der alten Schule, schlau und arm und beides sieht man ihm nicht an.

Sein Tempel liegt ein wenig außerhalb, wir fahren mit einem kurzen Panaromazug dorthin, weil die Landschaft so schön ist, besonders zur Kirschblütenzeit und im Herbst. Beides ist jetzt nicht und dass die Landschaft einen Panoramazug wert ist, kann ich mir an einem verregneten Maitag allenfalls dazu denken. An der Bahnstation steht ein riesiges Abbild des japanischen Fabelwesens Tengu, der hier einem berühmten Krieger das Kämpfen beibrachte und nun diabolisch-irre auf den Parkplatz blickt. War bestimmt ein Russe auf Durchreise, dieser Tengu, sagt Hide, lange Nase und rotes, versoffenes Gesicht. Er verehrt ihn trotzdem.

Wir steigen einen Berg hinauf, der voller Wege, Stufen und Heiligtümer ist, bis wir den Tempel erreichen. Hide telefoniert die ganze Zeit, offensichtlich mit der halben Welt, in verschiedenen Sprachen, aber immer laut. Man hört seine Stimme über den Berg schallen. Ich glaube, er hört schwer. Nach über dreißig Jahren Punk auch kein Wunder. Oben vor der Haupthalle steht ein Mann mit ausgebreiteten Armen. Dieser Ort hat eine sehr spezielle Energie, heißt es. Ich probiere es auch, merke natürlich nichts. Energie erreicht mich nur schwer, das kenne ich schon.

Im Inneren des Tempels gibt es einen Keller, von dem außer Hide eigentlich niemand weiß. Dort unten hängen 200 zarte Lichter von der Decke, die Lichter des Universums, und die Gänge sind links und rechts von ziemlich kleinen Urnen gesäumt. Es müssen ungefähr Tausend sein. Es ist still und kalt und auch ein bisschen unheimlich, zwischen all diesen Urnen, die zu klein sind für die Asche eines Erwachsenen.

Wieder ans Tageslicht gekrochen, frage ich, von wem all diese Urnen stammen und erfahre: Es sind nur Haare darin, die als Ausdruck der Seele gelten. Haare von Anhängern dieses Tempels. Für 20.000 Yen kann auch ich meine Haare da reinstellen lassen. 20.000 Yen sind nicht mal 200 Euro und dafür kann ich Teile von mir, den Ausdruck meiner Seele gar, an einem heiligen Ort einlagern incl. Zeremonie. So billig war heilig noch nie. Ich denke ernsthaft darüber nach, meine Haare in Japan zu lassen.

Die Schriftstellerin Lucy Fricke lebt in Berlin. Derzeit ist sie Stipendiatin des Goethe-Instituts in Kyoto. Lucy Fricke schreibt wöchentlich über ihr Gastland.