Memoiren

Margaux Fragoso erzählt die Geschichte ihres Missbrauchs

Margaux Fragoso hat in ihrer Kindheit unfassliche Dinge erlebt und versucht sie nun in ihren nach einem William-Blake-Gedicht "Tiger, Tiger" betitelten Memoiren zu verarbeiten.

Es ist - wie sie zu Anfang des Buches betont - ihre eigene Geschichte, und umso unverständlicher und verfälschender ist es, dass Fragosos deutscher Verlag es für richtig hielt, die im Original verwendete Gattungszuschreibung "Memoir" in "Roman" abzuändern. Die Autorin erzählt von ihrer fünfzehn Jahre dauernden Beziehung zu Peter Curran, einem über vier Jahrzehnte älteren Pädophilen. Als Siebenjährige, im Sommer 1985, lernte sie ihn in einem Schwimmbad kennen, und binnen kurzer Zeit entwickelte sich ein Abhängigkeitsverhältnis, das alsbald sexuelle Praktiken einschloss.

"Tiger, Tiger", dessen Schauplatz Union City, New Jersey, ist, lässt sich viel Zeit, die Anfänge dieses von niemandem unterbundenen Missbrauchs nachzuzeichnen. Das bewusst inszenierte Skandalon der Memoiren besteht darin, dass das Opfer den Täter selbst im Nachhinein keineswegs mit bloßer Verachtung beschreibt. Curran, der sich 2001 das Leben nahm, erscheint nicht als pädophiles Monster, sondern als liebevoller Wegbegleiter. In Margaux' Augen erweist sich Currans verwinkeltes Haus, wo er mit einer Frau und deren Kindern lebt, als Ort der Geborgenheit. Dort werden ihr Gefühle entgegengebracht, die sie bei ihren Eltern nie findet. Der Übeltäter nutzt Margaux' familiäres Desaster aus und überschüttet das Mädchen mit Liebesbeweisen. "Wo genau hörte Peter auf und fing ich an?", heißt es am Ende dieser Schreibtherapie - ein Satz, der zeigt, dass auch die Niederschrift des Schreckens nicht alle Schatten der Vergangenheit beseitigt.

Margaux Fragoso: Tiger, Tiger. Aus dem Englischen von Andrea Fischer. FVA, Frankfurt/M. 464 Seiten, 24,90 Euro.