Roman

Gespenstische Erinnerungen an den eigenen Vater

Der Vater war ein Findelkind. Er wurde auf einer Türschwelle abgelegt und als ungeliebtes Adoptivkind großgezogen. Sein Sohn hört diese Geschichte zum ersten Mal als erwachsener Mann.

Es ist eine biographische Verblüffung, doch hätte es auch eine poetische sein können. Das Findelkind mit seinem assoziativen Hinterhof, der Wechselbalg, scheint wie geschaffen als Ursprungsmetapher für einen Autor wie John Burnside. Der ist Romancier, gewiss, doch dringlicher ist er Lyriker. In all seinen Werken findet man Gestaltwandler der dunklen Spielart. Auch in "Lügen über meinen Vater" taucht ein solches Wesen auf. Es hat zwei Beine; es fällt mit "harten, blitzenden Krallen", es wirft gespenstische Schatten, "Vogelkonturen", es löst nicht bloß Angst aus, sondern urzeitliches Entsetzen. Burnside ist einer der wenigen Gegenwartsautoren, die sich glaubwürdig in einem von der katholischen Mystik inspirierten Bildkosmos bewegen.

Sein Vater, ein Hilfsarbeiter, war Alkoholiker. Gewalttätig eher am manipulativen Rand des Spektrums; verschlagen, grausam, sentimental. Unter seiner Knute wachsen zwei vernachlässigte Kinder auf. Die Armut ist roh. Es gibt zersiedelte Industriestädte; Cowdenbeath, die Bergarbeiterstadt in Schottland und die Stahlstadt Corby in Northhamptonshire. Die Mutter stirbt zu jung an Krebs, zwei Kinder kommen nicht zur Welt, sie sind die imaginären Gefährten jenes Jungen, dessen Jugendzeit hier erzählt wird. Der lange Rausch der Adoleszenz, der zwei Mal in geschlossene Einrichtungen führt, könnte auch als Antwort auf die Sucht des Vaters verstanden werden, als Antwort auf eine Kindheit voller Stillstand und Tod.

John Burnside: Lügen über meinen Vater. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Knaus, München, 384 Seiten, 19,90 Euro.