Fotoband

Als der Osten noch ostig aussah

Bei längerem Betrachten glaubt man zu wissen, was aus diesen Kindern wohl geworden ist.

Der in der Mitte mit dem T-Shirt ist heute ein selbstbewusster Mann, der Junge zu seiner rechten ein verschlossener Melancholiker, das Mädchen links außen neigt immer noch zu rätselhafter Schüchternheit und der Junge rechtsaußen ist auch 2011 für jeden Blödsinn zu haben. So könnte das Leben heute sein für die Kinder, die 1982 in einem Dorf bei Breslau posierten. Mit ziemlicher Sicherheit sind die Vermutungen aber Quatsch und es ist alles ganz anders gekommen.

Die Fotografien von Chris Niedenthal laden zu Spekulationen ein. "In your face. Bilder aus der jüngeren Geschichte" lautet der Titel des Bandes (Edition Fototapeta, 24,80 Euro), es sind Fotografien aus den Achtzigerjahren aus Osteuropa, vor allem aus Polen, aber auch aus anderen sozialistischen Staaten. Manchmal zeigen sie Menschen in ihrer ärmlichen Idylle, manchmal zeigen sie die Momente des Aufbruchs und Protests. Sie erinnern an eine Zeit der Hoffnungen und vergegenwärtigen, wie entbehrungsreich diese Jahre waren. "Das Angebot in einer Fleischerei" heißt ein Bild aus Warschau 1982 und man sieht eine ältere Verkäuferin, die ein wenig verkniffen ins Nichts schaut und hinter ihr, an den Haken, hängen keine Würstchen, nur blassorangene Kacheln sieht der Besucher, der so gern Kunde wäre. Niedenthal, Jahrgang 1950, hat für "Time", "Spiegel" und "Newsweek" gearbeitet; das sieht man: er ist ein klassischer Fotojournalist, der den einzigartigen, unwiederbringlichen Moment festhält.