Analyse

Die Psyche der Despoten

Mohamed verbrannte erst sein Diplom, später auch sich selbst. Der 30-jährige Tunesier sollte als Spitzel arbeiten, was er ablehnte, stattdessen wollte er als Gemüsehändler seinen Lebensunterhalt verdienen.

Doch jeder Versuch, sich gegen die Willkür und Gewalt der Polizei und Behörden zu wehren, war vergeblich. Die Polizisten traten seinen Wagen und ihn mit Füßen. Nachdem sich Mohamed aus Verzweiflung wie Protest, fast einem Denkmal gleich, angezündet hatte, begannen in Tunesien, die Menschen zu demonstrieren - die "Jasmin-Revolution" hatte begonnen. Als wäre ein Funken übergesprungen, begehrten danach auch die Menschen in Ägypten, Marokko und Libyen auf, forderten mehr Rechte und bessere Lebensverhältnisse. Syrien und der Jemen folgten.

In seinem neuen Buch "Der arabische Frühling" mit dem Untertitel "Vom Wiedererlangen der arabischen Würde" widmet Tahar Ben Jelloun, Autor und Psychotherapeut, dem tunesischen Gemüsehändler, der sich im Dezember 2010 selbst verbrannt hat, die Geschichte "Der Funke". Selbst wenn manche Ereignisse überholt scheinen und die Region noch lange nicht zur Ruhe kommt, hilft das Buch, den Um- und Aufbruch im Maghreb und in der arabischen Welt besser zu verstehen. Analysen und Wissenswertes über einzelne Staaten finden sich darin, man lernt weitere Menschen kennen, die ihren Mut mit dem Leben bezahlen mussten. Die Psychogramme von Despoten, sei es Mubarak, Ben Ali, Gaddafi, Hussein oder Assad, sind nicht weniger aufschlussreich, ja manchmal von besonderem Reiz. Zum Beispiel wenn Jelloun auf den beleidigten Mubarak schaut.

In seinem Artikel "Die arabische Welt ist müde", bereits 2003 erschienen in der Tageszeitung "Le Monde" und jetzt in seinem neuen Buch abgedruckt, beschreibt Jelloun die Jugend als lebendig und ungeduldig, unzufrieden und bereit, alles umzuwälzen. Freilich ist Tahar Ben Jelloun, dieser wichtige Vertreter der französischsprachigen Literatur des Maghreb, der hierzulande mit dem Kinderbuch "Papa, was ist ein Fremder" bekannt wurde, Realist genug und hält den Ausgang des arabischen Frühlings für offen.

Tahar Ben Jelloun: "Der arabische Frühling", aus dem Französischen von Christiane Kayser, Berlin Verlag, 128 S., 10 Euro