Roman

"Schreib weiter! Schreib alles!"

Es war einer der seltsamsten und wunderbarsten Sommer der deutschen Literatur. Und er fand im Saale statt. Man schrieb den 19. Juli des Jahres 2010, als ein Mann, dem man ansah, dass er einiges mitgemacht hatte im Leben, sich ins Frankfurter Literaturhaus setzte und las.

Nun ist Lesen, Vorlesen zumal, weder überraschend noch selten in einem Literaturhaus. Was Peter Kurzeck allerdings im Raum mit dem bezeichnenden Titel "Gesammelte Untertreibungen" tat, war trotzdem neu. Denn Peter Kurzeck las nicht einfach. Er diktierte. Den fünften Band seines auf zwölf Roman angelegten Großprojekts "Das alte Jahrhundert". Drei Monate lang diktierte Kurzeck. Und 39 literarische Stenotypisten, die von überall her aus Deutschland gekommen waren, schrieben mit. Das Ergebnis, das jetzt unter dem Titel "Vorabend" erschienen ist, hat 1015 Seiten, wiegt gut ein Kilo und ist der seltsamste und wunderbarste Roman der Saison. Was wiederum nicht überraschend ist, denn Peter Kurzecks Romane sind eigentlich in jeder Saison, in der sie erscheinen, die seltsamsten und wunderbarsten. Und das, obwohl sie immer wieder gleich seltsam, gleich wunderbar sind und noch dazu immer die gleiche Geschichte erzählen.

Die Dinge sprechen und die Tiere

Wieder sind wir, wie schon in den ersten vier Bänden von Kurzecks Halbjahrhundertchronik, in Frankfurt. "Wieder Herbst" lautet der erste Satz, der so kurz ist und so elliptisch wie viele Sätze in diesem nun gar nicht kurzen, weit und in alle Richtungen ausschweifenden Buch, das gehetzt ist und gleichzeitig alle Zeit der Welt zu haben scheint. Ein Mann ist wieder unterwegs zum Kinderladen. Peter heißt er. Carina heißt das Kind, das neben ihm her läuft. Carina ist vier. Das wissen wir alles schon. Auch dass der Mann, den Carina Peta nennt, seit neun Jahren mit Sibylle zusammen ist, Carinas Mutter. Und dass er niemand anders ist als Peter Kurzeck.

Die Straße kennen wir. Und das Jahrzehnt kennen wir auch. Wir stecken mitten in den Achtzigern. Wir wissen, dass der Peta zu trinken aufgehört hat. Wir wissen, dass er als Kind aus Böhmen vertrieben wurde und im hessischen Staufenberg aufwuchs. Wir kennen seine Lebensumstände und seine Freunde. Pascale und Jürgen vor allem, die sind vor einem Jahr in die Provence gezogen, haben ein Restaurant aufgemacht. Jetzt, damit setzt "Vorabend" ein, hat der Peter gerade seinen Job verloren. Einen Job, den er braucht. Weil sich die Bücher, die er schreibt, die er schreiben muss, sagen wir mal, mäßig verkaufen. In der Provence geht gerade die Beziehung von Pascale und Jürgen zu Ende. Im Leben von Sibylle und Peter zeigen sich Risse. Es ist der Vorabend eines Endes.

Und der Peter erinnert sich. Er kann nicht anders. Das ist nicht nur seine Profession als Dichter, das ist sein Leben. Sich erinnern an alles, und es aufschreiben, die Zeit anhalten. Gegen das Vergessen anschreiben. Die Zeit erzählen, die ganze Gegend, das Leben, wie es geschah, während es geschieht.

"Schreib weiter! Schreib schneller! Schreib alles!", schreit sich Peter Kurzeck regelmäßig an, an. "Erzähl", fordert Carina, "erzähl weiter, das Dorf!" Und Peter erzählt. Nicht eine Sekunde, deshalb ist man binnen Sekunden drin im Erzählsog dieser gewaltigen Frankfurter Erinnerungshalde, stellt man in Zweifel, dass dieses Buch erzählt werden musste, dass es nicht nur schön, sondern unendlich wichtig ist, dass es "Vorabend" gibt. Peter Kurzeck schreibt alles auf für sich und uns, vor allem aber für Carina. Und er schreibt mit einer kindlichen Logik, mit immer auch kindlichem Blick.

Sprunghaft, voller Wunder ist deshalb Peters Welt. Die Dinge sprechen und die Tiere, wir erfahren (sehr ausführlich) von der Weltsicht der Igel und ihrer Angst vor der Moderne. Mit tiefer Liebe zu den Menschen (vor allem denen am Rand), zu den Dingen und zur Natur schreibt Peter Kurzeck, was seine Welt ist, seine Welt war. Es ist eine Grundwärme in der Erzählwelt des "hessischen Proust", die einen sofort umfängt und nicht mehr loslässt. Die Vergangenheit ist immer nur eine Denkschleife entfernt von der Gegenwart, vom Weg nach Eschersheim, der gut 500 Seiten lang scheint. Immer wieder taucht sie als Leitmotiv auf aus der unendlichen Sprechmelodie. Und wird wieder Gegenwart im Schreiben. "Wenn ich schreibe, ist immer jetzt", schreibt Peter.

Die Zeitgeografie des Erzählgartens

Und so schreibt er ständig. Während er geht. Während er schläft, im Traum, im Kopf. Durch die Nacht, durch den Tag, durch die Nacht. Er baut Sätze. Er notiert sie. Auf Bierdeckel, auf Einkaufszettel, Papierservietten, auf Bons. Was dabei entsteht, ist ein gewaltiges Post-it-Mosaik des Lebens von Peter Kurzeck und eine bundesrepublikanische Mentalitätsgeschichte. Ein Deutsches Historisches Alltagsmuseum. Hier wird wieder lebendig, wie der Westen wurde, wie er bis 1989 war und bis heute weitgehend noch ist. Hier sind sie sichergestellt vor dem Verfall der Erinnerung, hier gibt es sie, noch die guten alten Dinge, deren große Zeit gar nicht lange her ist: das Sonntagswohnzimmer, die Sonntagsschuhe, die Kunstradfahrer im Fernsehen, das Dorf, die Sensation des Kinos von Lollar/Oberhessen, die Jazzplatten und Achtundsechzig. Immer wieder, wenn Kurzeck in der Zeitgeografie seines kunstvollen Erzählgarten vor und zurück schweift, stehen sie wie in Vitrinen herum und erzählen.

Immer wieder schwärmt Kurzeck zu ihnen aus. Immer stärker aber auch schreibt er sich heran, an die Wunden seiner Welt, an den Glutkern seiner Erinnerung. Daran, was war bei der Vertreibung, wie es war als Fremder in Hessen. Und davon, wie sich die Welt verändert, wie Dinge verloren gehen.

Immer auf dem Sprung ist dieses Buch, schreitet vorwärts, seitwärts, wieder zurück auf dem Zeitstrahl und durch die Geschichte, erklärt im Fortschreiten die Qualen des Fortschritts, macht die stille Fassungslosigkeit des Verfassers über das Kurzzeitgedächtnis und den Zustand der Gegenwart offenbar. Es ist ein dickes Buch, ein sehr dickes, wirklich sehr dickes Buch. Und es ist seltsam. Und wunderbar. Man kann gar nicht genug davon bekommen. Man muss immer weiter. Man lebt mit ihm und mit dem Peter, der für uns und alle Carinas des Landes alles aufschreibt.

Und Sätze schreibt, die man mitnehmen, immer dabei haben möchte. Als Medizin für alle Tage: "So geht man und geht. Als ob man sich selbst sucht. Und immer auf den Horizont zu. Immer weiter. Allein. Todmüd und hellwach zugleich. Die Nacht und den Herbst und den Nachtfrost bei jedem Schritt bis ins Herz hinein spüren. Gehen, tief atmen und weit in die Ferne den Blick. Anders hältst du dich und dein Leben nicht aus."

Peter Kurzeck: Vorabend. Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt/Main. 1015 S., 39,80 Euro.