Kunst

Raus aus dem Museum, hinein in die grünen Lauben

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Gabriela Walde

Typisch Berlin. Hier hat die Kunst seit jeher kreativen Wildwuchs betrieben. Künstler stiegen mit ihren Werken hinab in Kellerbars, zogen in marode Gebäude wie ehemals ins alte Postfuhramt, besiedelten Plattenbauten oder verfallene Mädchenschulen. Dort, wo gar nichts an den White Cube erinnert oder an Museumswände.

Raus aus dem "Museuleum", rein ins grüne Zwergenland - so heißt nun das Credo der Kuratoren Anna Redeker und Theo Ligthart, die mit ihrer skurrilen Out-Door-Show "Stay hungry" zwanzig Künstler in einen Schrebergarten am Gleisdreieck verpflanzt haben. Nein, keine Abrechnung mit der Laubenkolonie, die in Berlin seit einiger Zeit eine Renaissance erlebt, sondern eine Persiflage auf den Kunstbetrieb, - so jedenfalls sieht es Anna Redeker. "Die Kunst", findet sie, "hat sich schrebergartenähnlich von ihrem Umfeld isoliert. Zu den Vernissagen kommen immer nur die gleichen Leute, und Privatsammler bauen sich ihre eigenen Mausoleen, um ihre Werke zu zeigen." Eine Million Euro investiert Klaus Wowereit in die im Juni startende "Leistungsschau" junger Künstler, diese Schau kommt mit 9000 Euro aus. Weniger ist manchmal mehr.

Selbst eingeschworene Kleingartenhasser werden in diesen Kunst-Parzellen bekehrt. Nur wenige Minuten von der brodelnden Kurfürstenstraße mit Billigtrash und Prostituierten entfernt, öffnet sich ein anarchischer Wundergarten, den der Besucher über eine Stahltür betritt. Ein schönes Symbol für den Hortus conclusus, ein mit Mauern umschlossener Lust- und Lebensgarten - beliebtes Motiv in der Kunst des Mittelalters. Der Rundgang führt an Stauden, Zwergen und wackeligen Hollywoodschaukeln vorbei, die Wege sind sandig, und abends ist eine Taschenlampe nicht schlecht, um sich durchs Dickicht zu schlagen. Eine Nachtigall frohlockt. Oder gehört der helle Ton zu einer Soundinstallation? Schließlich hat der Musiker Jochen Arbeit von den Einstürzenden Neubauten irgendwo zwischen Bäumen eine Klangarbeit installiert. Und der Zwerg an der Gartenpforte guckt den Besucher so höhnisch (ist das Einbildung?) an, dass wir nicht wissen, ob er ironisches Zitat ist. Piefig oder nicht, das ist hier die Frage.

In der Tat sind in den Datschen die künstlerischen Interventionen so clever, ja so hinterhältig platziert, sind nicht einfach zu entschlüsseln. Bei documenta-Künstler Simon Wachsmuth weiß man schon eher, woran man ist. Als depressive Riesenbiene residiert er in einem Gewächshaus. Er/sie steckt ihren Kopf aus der Glasklappe und antwortet auf Fragen - sollte man welche stellen. Aber was fragt man ein melancholisches Fluginsekt? Irgendwo um die Ecke gibt es einen knorrigen Baum, den kann man erklettern, mit Hilfe der schönen Künstlerin. "Ein Energiebaum!", ruft sie und hievt einen beschwingten jungen Mann in die Äste.

Beeindruckend ist die Arbeit von Bettina Khano. Ein abgebranntes Gartenhaus gibt den Rahmen vor, auf dem verkohlen Grundriss hat sie Basaltstaub ausgestreut, der dient eigentlich der Düngung. Das sieht aus wie Nebel oder Staub, und im Dunkel mit Lichterketten liegt über dem Areal ein eigenartiger Widerschein. Surreal heben sich die Pflanzen wie Skulpturen von der Oberfläche ab. "Ich mache das Haus wieder sichtbar", sagt Khano, "alte Spuren ergeben neue, und irgendwann löst sich auch der Basaltstaub im Nichts auf". Der Regen verschlägt uns in eine kaputte Laube, die unverkennbar aus den 50ern stammt. Mit einem Mobiliar, das so unmöglich ist, dass es schon wieder originell ist. Es gibt eine richtige Zwergenparade, jemand hat die verblichenen Tonmänner in den Blumenkasten gesteckt. Der Typ, der hier arbeitet, heißt Terence, wenn wir ihn richtig verstanden haben. Er kommt aus New York, ein Übersetzer. Er schreibt einen Garten-Blogg. "Ganz Berlin ist ein Garten", meint er. Wie recht er hat, denken wir an diesem Abend, und wandern weiter durch die Regentropfen.

Kleingartenverein am Gleisdreieck (POG). Bis 29. Mai, tgl. ab 20 Uhr.