Wolfgang Kohlhaase

"Berlin ist die Stadt, die ich wirklich kenne"

Er schrieb die Bücher zu Filmklassikern wie "Solo Sunny", "Ich war 19", "Berlin-Ecke Schönhauser" und jüngeren Erfolgen wie "Sommer vorm Balkon". Im vergangenen Jahr bekam Wolfgang Kohlhaase einen Ehrenbären auf der Berlinale, in diesem Jahr eine Ehren-Lola beim Deutschen Filmpreis.

Eigentlich, frotzelt er, kann er gar nicht mehr aus dem Haus, ohne einen Preis zu erhalten. Im März wurde der bedeutendste deutsche Drehbuchautor 80. Und noch immer schreibt er munter weiter. Sein jüngster Film, "I Phone You", kommt heute in die Kinos. Ein sehr untypischer Kohlhaase-Film. Warum, darüber sprach Peter Zander mit ihm.

Berliner Morgenpost: Sie haben mit vielen namhaften Filmemachern zusammengearbeitet. Wie kommt es, dass Sie nun mit Dan Tang, einer jungen, nahezu unbekannten Regisseurin, die noch nicht mal ihren Abschluss hatte, einen Film gemacht haben?

Wolfgang Kohlhaase: Durch ein Eis. Ich habe einmal an der Filmhochschule in Babelsberg über Drehbücher doziert. In der Pause kam dann Dan Tang, eine Filmstudentin aus China, auf mich zu. Sie lud mich zu einem Eis ein. Und während ich daran schleckte, fragte sie, ob ich nicht mal ein Drehbuch von ihr lesen könne. Das war die Geschichte einer Chinesin, die nach Berlin kommt, weil ihr ein Mann, der hier lebt, die Ehe versprochen hat. Das war ein sehr umfangreiches Buch, da hat vieles nicht recht zueinander gepasst. Ich habe ihr erst mal geraten, abzuspecken. Ein halbes Jahr später haben wir uns wieder getroffen. Und irgendwie wurde ihre Geschichte auch meine. Am Ende blieb nur die Grundidee übrig. Jetzt ist der Film in der Welt und muss seinen Weg machen. Für sie ist es der erste Film und für mich - hoffentlich - nicht der letzte.

Berliner Morgenpost: Ist "I Phone You" ein weniger Kohlhaasetypischer Film als andere?

Wolfgang Kohlhaase: Vielleicht. Ich hatte das Glück, große Partnerschaften zu haben. Regisseure, mit denen ich mehrere Filme drehen durfte, wie Gerhard Klein oder Konrad Wolf. Da war so ein Grundverständnis, da hat man sich durch Blicke und Halbtonlagen verständigt. Tang ist so viel jünger, sie kommt aus einem ganz anderen Kulturkreis. Aber am Ende hat man ja immer zwei Filme, die sich nie absolut decken: der, den man machen wollte, und der, der es geworden ist.

Berliner Morgenpost: Ihre Filme leben stets von einer sehr genauen Sprache. Das geht in diesem Fall, wenn eine Fremde in die Stadt kommt, nicht. Fühlten Sie sich da Ihres wichtigsten Stilmittels beraubt?

Wolfgang Kohlhaase: Eigentlich nicht. Bestimmte Tonlagen können das Publikum ja schon erreichen, auch wenn es die Hauptdarstellerin nicht erreicht. Umso schöner, wenn sie daneben steht und nichts versteht. Der Reiz solcher Situationen sind ja die Missverständnisse.

Berliner Morgenpost: Jetzt werden Sie vielleicht von ganz vielen Filmstudenten zum Eis eingeladen. Würden Sie wieder zusagen?

Wolfgang Kohlhaase: Das käme auf das Projekt an. Ich will schon noch was machen fürs Kino, kann aber nicht verhindern, dass sich allmählich das kleine Wörtchen "noch" in die Betrachtung schleicht. Bei diesem "noch" sind die wie auch immer gearteten Pläne der Studentengeneration erst einmal nicht dabei. Aber die müssen, die sollen auch ihre eigene Sprache entwickeln.

Berliner Morgenpost: Gibt es denn "noch" Geschichten, die Sie unbedingt noch erzählen wollen?

Wolfgang Kohlhaase: Ich habe da so ein zwei Projekte. Aber darüber rede ich nicht gern. Ich habe immer das Gefühl, ich verliere meine Freiheit, wenn ich zu früh darüber rede. Und dann wird das Arbeiten ja auch langsamer. Das Alter muss sich ja auch an dieser Stelle melden, da kann ja nicht nur das Knie weh tun. Ich warte immer, wie es sich melden wird. Noch ist es so, wie es immer war. Und wenn's nicht mehr funktioniert, werden es einem die Leute schon sagen.

Berliner Morgenpost: Sie sind wohl der größte Berlin-Chronist des Kinos. "Berlin um die Ecke" heißt einer Ihrer Filme, so könnte der Großteil Ihrer Filme heißen. Warum immer wieder diese Stadt?

Wolfgang Kohlhaase: Es ist halt die einzige Stadt, die ich wirklich kenne. Die Freiheit, etwas zu schreiben, entsteht ja erst, wenn du zehn Mal mehr weißt als du brauchst. Manche Leute sagen: Die Geschichten liegen auf der Straße, man muss nur rausgehen und sie aufheben. Schon gut, aber das Bücken macht schon viel Arbeit! Vor das Schreiben sind Augen und Ohren geschaltet. Ich habe immer in dieser Stadt gelebt, ich habe einen Sinn für diese Sprache. Das ist wunderbares Material. Ich mache das nicht vorsätzlich, nach dem Motto: Machen wir mal wieder einen Berlinfilm. Aber wenn ich diese Sicherheit der Sprache nicht hätte, wüsste ich gar nicht, was ich schreiben sollte. Ich könnte das nicht in Bayrisch.

Berliner Morgenpost: Bei Ihrem Film "Whisky mit Wodka" haben mir zwei Schauspieler geklagt: Kohlhaase-Texte sind fürchterlich, lauter fein geschliffene Diamanten, die muss man so sprechen, wie es da steht, da kann man nicht improvisieren. Ist das ein Kompliment?

Wolfgang Kohlhaase: Ich nehme es mal als solches. Ich freue mich, wenn man einen Schliff bemerkt. Es gibt ja viele Arten von Filmen. Wahnsinnig geschwätzige oder solche, in denen Handlung nur über Dialoge formuliert wird. Ich schreibe auf andere Weise. Lakonischer. Wenn ich etwas in drei Sätzen sagen kann, dann sage ich es nicht in fünf. Nicht damit der Film kürzer wird. Aber so entstehen andere Räume für die Schauspieler. Freiräume, Spielräume. Die sind auch zu nutzen. Du kannst einen Text immer noch laut oder leise, schnell oder langsam sagen. Da entstehen doch die Wirkungen. Das wird im Augenblick des Drehens noch einmal sinnlich neu erfunden. Aber nicht, indem man noch schnell einen Satz dranhängt. Ich würde mich nie beschweren, wenn etwas verändert und dadurch besser wird. Ich würde allerdings schon Einspruch erheben, wenn es nicht besser wird. Aber man kann ja auch anders improvisieren, und Schauspieler machen oft ganz wunderbare Erfindungen.

Berliner Morgenpost: Nennen Sie ein Beispiel.

Wolfgang Kohlhaase: Nehmen Sie Nadja Uhl in "Sommer vorm Balkon": Sie spielt da eine Krankenpflegerin und muss einen alten Mann eincremen. Am Ende hat sie noch Creme an den Fingern und verreibt sie auf ihrem Unterarm. Das hat sie aus der Situation heraus erfunden. Und es ist ein wunderbares Detail, weil es Ekel dementiert und Nähe herstellt. Vielleicht fällt einem so was mit viel Glück selber ein, aber eigentlich kann man sich das gar nicht ausdenken. Du kannst ein Drehbuch so präzise schreiben, wie du willst; du bist doch auf diese wunderbaren zufälligen Schönheiten, die beim Drehen entstehen, angewiesen. S. 32

Aktuelle Filmkritiken lesen Sie in unserer Beilage "Berlin live"