Interview

"Ich will nicht, dass Christophs Kunst verheizt wird"

In der großzügigen Altbauwohnung im Prenzlauer Berg lebt die Kostümbildnerin Aino Laberenz seit fast neun Monaten alleine: Am 21. August 2010 starb ihr Mann Christoph Schlingensief, nach zweieinhalb Jahren Kampf gegen den Lungenkrebs. An der Garderobe hängen noch seine Mäntel. Witwe und Alleinerbin eines vielseitigen, international bekannten Künstlers - mit 30 Jahren ein großes Amt.

Es laufen die Wiederaufnahmeproben für Christoph Schlingensiefs letzte Inszenierung "Via Intolleranza II", mit der das Berliner Theatertreffen endet. Für die Kunstbiennale in Venedig, die Anfang Juni eröffnet, gestaltet sie mit den Werken ihres Mannes den deutschen Pavillon, und in Burkina Faso baut sie als Geschäftsführerin das Operndorf Afrika weiter - Schlingensiefs letzten großen Lebenstraum. Aino Laberenz wirkt mädchenhaft zart, barfuß und offen lächelnd kommt sie einem in der gemütlichen Wohnküche entgegen. Elena Philipp sprach mit ihr.

Berliner Morgenpost: Christoph Schlingensief scheint ein Kraftwerk gewesen zu sein, voller Energie, immer auf Sendung. Sie wirken eher zurückgenommen. Wie bewältigen Sie das Arbeitspensum?

Aino Laberenz: Ich glaube, ich bin zäher als ich aussehe. Und Christoph gibt mir auch jetzt ganz viel Kraft. Ich bin kein esoterischer Mensch, sondern meine das ganz pragmatisch: dadurch, dass er offen umgegangen ist mit seinem Tod, dem Sterben, mit allem, was er hinterlassen hat. Er hat das sehr gut sortiert und so für mich vorgesorgt. Ich kann sehr gut einschätzen, was er wollte - und dass er etwas hinterlassen wollte.

Berliner Morgenpost: Lastet die Verantwortung, dieses Werk zu erschließen und weiterzuführen, auf Ihren Schultern?

Aino Laberenz: Mal so, mal so. Auf der einen Seite ist es sehr, sehr schwer, weil Christoph mir mehr vertraut hat als ich mir selbst und ich noch lernen musste, mir zu vertrauen. Auf der anderen Seite merke ich, dass ich ganz viel für ihn war, und dass ich daraus ganz viel nehmen kann. Sieben Jahre lang habe ich mit ihm fast jede Arbeit gemacht, ich habe nicht nur Kostüme entworfen, sondern ich habe auch fotografiert, oder das Drehbuch geschrieben. Das war für uns normal, weil wir zusammengelebt haben, weil das unsere gemeinsame Fantasie war. Jetzt merke ich, was ich alles bekommen habe. Das ist eine immense Kraft.

Berliner Morgenpost: Sie gehen also mit einer gewissen Gelassenheit an die Aufgaben heran?

Aino Laberenz: Ich werde schon nervös, wenn ich in Venedig bin. Ich weiß, dass die Ausstellung ein Bild von ihm hinterlässt. Wenn ich dort das Bühnenbild von "Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" zeige, ist es mir extrem wichtig, dass man nichts mehr austauscht. Christoph hat sich für etwas entschieden, und das bleibt dann so. Oft muss ich gar keine neuen Entscheidungen treffen, sondern mich nur daran erinnern, was wir besprochen haben. Ich versuche, in allem so nahe wie möglich an ihm dran zu bleiben, ihn nicht zu aktualisieren. Er kann sich gegen nichts mehr wehren, und ich möchte nicht, dass er in den nächsten zwei Jahren verheizt wird. Es ist gerade unglaublich viel, und ich will dem Künstler wie dem Menschen Christoph auch Ruhe geben. Ich habe ein Interesse daran, dass er lange in seiner Arbeit lebt.

Berliner Morgenpost: In welchen Momenten fehlt er Ihnen denn am Meisten?

Aino Laberenz: Eigentlich fehlt er mir immer, in jeder Sekunde. Wir waren ja auch 24 Stunden zusammen. Trennung war für ihn ganz fürchterlich, auch wenn es nur ein Wochenende war. In Afrika ist er manchmal stärker anwesend als hier, in der Wohnung ist er sehr da... Sein Humor fehlt mir, ich würde ihn so gerne wieder lachen sehen. Christoph war ein unfassbar lustiger Mensch.

Berliner Morgenpost: Ist es für Sie seltsam, jetzt an seiner Stelle Fragen zu beantworten?

Aino Laberenz: Natürlich ist das komisch. Vorher war ich genau die Gleiche, aber da hat sich niemand für mich interessiert. Wenn Christoph jetzt hier wäre, würde ich mich im Hintergrund halten oder rausgehen und was einkaufen. Aber natürlich braucht ein so umfangreiches Projekt wie das Operndorf auch die öffentliche Aufmerksamkeit. Und ich antworte hier nicht stellvertretend, sondern habe - wenn ich das Operndorf und den Pavillon mache - selbst etwas zu sagen.

Berliner Morgenpost: Was gibt es denn Neues aus dem Operndorf "Remdoogo"? In Burkina Faso, einem der ärmsten Länder der Welt, kam es in den letzten Monaten ja immer wieder zu Unruhen. Im April konnten Sie Ihre monatliche Reise nach Burkina nicht antreten.

Aino Laberenz: Die Lage hat sich wieder beruhigt. Es sind teilweise neue Minister im Amt, mit denen ich auch zu tun haben werde. Der Bau ging ganz normal weiter, und es ist viel passiert. Wir sind mit der ersten Bauphase so gut wie fertig: Schule, Kantine, sanitäre Einrichtungen und Lehrerwohnungen.

Berliner Morgenpost: Welche Bauvorhaben stehen noch an?

Aino Laberenz: Die Schule ist der Mittelpunkt, dann folgt die Struktur drumherum, etwa die Krankenstation. Christoph hatte noch die drei Bauabschnitte eingeteilt. Das Festspielgebäude ist der Mittelpunkt der Schnecke, als die der unser Architekt Francis Kéré das Operndorf geplant hat.

Berliner Morgenpost: Bleibt beim Aufenthalt in Afrika für Sie noch ein Gefühl des Fremden?

Aino Laberenz: Dort gibt es ganz, ganz viele Sachen, die man mitnehmen kann: Offenheit, Freiheit, andere Betrachtungsweisen. Christoph hatte manchmal den Eindruck, dass ihm hier langsam die Antennen abbrechen und er in Afrika einen anderen Zugang findet, auch zu sich selber. Die Zeit macht etwas mit dir, oder einfach bestimmte Umstände. Auf dem Dorf wird mit der Tageszeit gelebt. Ein ganz anderer Lebensrhythmus. Das ist letztlich das Thema von "Via Intolleranza II": Da prallt etwas aufeinander, und man muss nicht so tun, als verstünde man sich blind oder sei erhaben über die Kultur des anderen. Vieles passiert einfach. Wir haben keine gemeinsame Melodie, aber es gab Töne, die sich überschneiden.

Berliner Morgenpost: Das Operndorf, das Christoph Schlingensief eine "soziale Plastik" nannte, wird mitunter als das größenwahnsinnige Projekt eines Narzissten beschrieben. Was sucht ein deutscher Künstler in Afrika, was bringt er dorthin?

Aino Laberenz: Christoph hat immer klar gesagt, ich werde jetzt nicht schwarz, ich werde jetzt kein Afrikaner. Er hat gesagt, dass man seine Heimat nicht einfach verpflanzen kann, so wie es in der Kolonialzeit oft der Fall war. Das Opernhaus in Manaus, wo Christoph 2007 Wagners "Fliegenden Holländer" inszeniert hat, ist so ein Beispiel - das ist alles aus französischem Holz. Weil man sich in Brasilien nicht zuhause fühlte, hat man einfach mit Materialien aus Europa gebaut. Auch unser Begriff von Kultur sollte vorkommen. Natürlich ist das Operndorf zuerst einmal ein Projekt, das von uns ausgeht. In seiner Umsetzung durch die Menschen vor Ort soll es aber ganz und gar afrikanisch werden, und da sind wir auf einem sehr guten Weg. Mit dieser Offenheit hat er die Burkiner so für die Sache gewinnen können, dass sie mir heute sagen: Das Operndorf ist unser Projekt. Dafür kämpfen sie jetzt mit großer Leidenschaft!

Berliner Morgenpost: Denken Sie manchmal schon weiter in die Zukunft, an Ihre eigenen Arbeiten?

Aino Laberenz: Ehrlich gesagt war ich noch nie ein Zukunftsplaner, und Christoph war ja auch in der Arbeit mein Zuhause. Er war ein starker Charakter, ein Egomane auf eine Art. Sehr einfordernd. Ich sollte sofort aus Zürich nach Berlin kommen, da waren wir noch nicht einmal zusammen. Mir hat es da viel Kraft gegeben, zu wissen, dass ich mich selbst ernähren kann, und dass ich vor der Beziehung mit Christoph als Kostümbildnerin gearbeitet habe. Trotzdem waren wir immer irgendwie eins... Ich muss jetzt meinen Motor in Afrika finden, mein Zuhause bei anderen Regisseuren.

Berliner Morgenpost: Könnte man sagen, Sie sind zuversichtlich voller Trauer?

Aino Laberenz: Eigentlich habe ich alles verloren. Doch der Tod macht einen auch klar. In guten Momenten merke ich, dass ich mit Christoph eine Menge bekommen habe und bin glücklich darüber, dass wir uns gefunden haben. Ich bin froh, dass wir uns gesagt haben: Wir lassen uns, auch wenn der Tod kommt, nicht trennen.