Kunstsache

Wann wird ein Stück Brot zur Kunst?

Als Jesus das Brot brach - war er da Bildhauer? Und der Bäcker, der das Brot für Jesus gebacken und pünktlich zum Abendmahl geliefert hat, war der nicht auch Bildhauer? Ich gebe zu: Das sind keine sehr üblichen Fragen für eine wöchentliche Kunstkolumne.

Und doch sind mir genau diese Fragen in den Sinn gekommen, als ich die vertrockneten Brotreste betrachtete, die Nina Canell in ihrer Ausstellung auf den Galerieboden verstreut hat. Die junge schwedische Künstlerin führt in ihren Arbeiten vor, wie wir alle in unserem Leben ständig Dinge produzieren, die man, in einem bestimmten Licht betrachtet, vielleicht als Kunst bezeichnen könnte.

Den trockenen Kanten Weißbrot entdeckte sie auf einer Baustelle in Istanbul. Sie nahm ihn mit und zeigt ihn nun in der Galerie Wien/Lukatsch zusammen mit Betonbrocken und Abgüssen von Brotresten, die sie aus Zement hergestellt hat. "Alles ist Material", scheint sie zu sagen, und in einer zweiten Ausstellung in der Galerie Konrad Fischer beweist sie die ganze Virtuosität ihres Könnens: Die Installation "Nephrolepsis (50 Hz)" mit Zimmerpflanze und Lautsprecherbox etwa macht die Luftbewegungen sichtbar, die ein fetter Bass erzeugt. Eine Reihe hölzerner Türstopper erinnert an eine Installation von Carl Andre. Es gibt noch weitere schöne Werke. Kein Wunder, dass viele Kuratoren Canell gerade innig lieben. (Bei Wien/Lukatsch bis 8. Juli, Linienstraße 158, Mitte; bei Fischer bis 4. Juni, Lindenstraße 35, Kreuzberg)

Ebenfalls mit dem Leben beschäftigt, wenn auch eher mit dem eigenen als mit dem anderer Leute, ist der Mexikaner Gabriel Kuri. Der Künstler nimmt üblicherweise die Dinge aus seinem Hausrat, die gern der Finanzbeamte sehen würde - Einkaufszettel, Kassenbons, Parkbelege - und spießt sie auf Drähte oder pinnt sie an Leinwände. Manchmal stopft er auch drei Socken zwischen zwei Felssteine, was sehr lustig aussieht. Kuris Kunst wird bei Esther Schipper gezeigt, die neue Räume in Schöneberg bezogen hat. Marmorplatten lehnen dort an der Wand. Schneeweiß und in geometrischen Formen ausgeschnitten, sind sie zu prekären Skulpturen zusammengebaut. In die Fugen hat der Künstler Geldscheine geklemmt. Ein Balanceakt, der an die bedrohlichen Stahlplatteninstallationen von Richard Serra erinnert. Zöge man die Geldscheine heraus, würde man sich vermutlich verletzen oder zumindest das Kunstwerk gefährden. "Alle Materialien sind gesellschaftlich kodiert", sagt Kuri - das gilt auch für die Handtuchspender aus Metall, die bei Schipper in Reihe an der Wand hängen, als seien es Objekte von Donald Judd. Darunter hat Kuri grob gehauene Skulpturen aus Vulkanstein gestellt. Industrie trifft Handwerk. Kein einfacher Gegensatz. Aber hier sieht er gut aus. (Bis 1. Juni, Schöneberger Ufer 65, Schöneberg)

Nach dem Besuch bei Schipper bot sich der Abstecher zur Isabella Bortolozzi Galerie ein paar Häuser weiter an. Dort stellt Susan Philipsz aus. Die schottische Künstlerin hat im vergangenen Herbst den Turner Prize gewonnen, und wenn man die neue Ausstellung bei Bortolozzi sieht, versteht man nicht so recht warum. Wie immer arbeitet Philipsz mit Sound, wie sie es so oft getan hat, auf Berliner Friedhöfen oder unter Münsteraner Brücken. Doch nun steht man als Ausstellungsbesucher in Galerieräumen zwischen Lautsprechern und lauscht sechs Minuten lang Frauenstimmen, die den altenglischen Kanon "The Cuckoo Song" singen. Das ist ein höllischer Ohrwurm, vorgetragen von der Schwesternschaft der Langeweile. Es funktioniert nicht. Vielleicht, weil Philipsz' Soundinstallationen im Freien irritierend wirken, während sie in Innenräumen einfach nur kitschig sind. (Bis 11. Juni, Schöneberger Ufer 61, Schöneberg)

Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt jeden Sonntag über die Galerien in Berlin.