17. Jüdische Filmfestival

Suche nach der Wahrheit

Die Augen strahlen. Die Stimme zittert. So freuen sich eigentlich nur kleine Kinder an Weihnachten. Stephen Fry aber ist ein erwachsener Mann. Und er steht auch nicht vor dem Weihnachtsbaum, sondern vor dem Festivalhaus in Bayreuth. Richard Wagner ist sein Heiligstes.

In dieses Gebäude zu dürfen, in dem er noch nie war, diese Klinke zu drücken, die ihn erstmals in den Festivalsaal bringen wird, am Ende gar an jenem Flügel sitzen zu dürfen, an dem schon Wagner selbst komponiert hat, davon, wird er nicht müde zu betonen, wagte er nicht einmal zu träumen.

Dabei ist Stephen Fry jüdisch. Er hat einen Teil seiner Familie im Holocaust verloren. Und Richard Wagner war erklärter Antisemit. Dessen Hetzschrift "Das Judentum in der Musik" von 1850 spaltet noch heute die Geister. Und die Wagner-Nachfahren haben Adolf Hitler den roten Teppich in Bayreuth allzu willig ausgerollt, schon als dieser noch lange nicht Reichskanzler war.

Darf man, kann man da noch Wagner hören? Das ist eine Frage, die sich Stephen Fry immer wieder stellt. Der Schauspieler (bekannt als Oscar Wilde in "Wilde") hat als Romanautor in "Geschichte machen" (Aufbau Verlag, 9,95 Euro) schon einmal die Fantasie ausgespielt, was passiert wäre, wenn Hitlers Geburt verhindert worden wäre. Für diese neue BBC-Produktion machte er sich nun auf nach Bayreuth, pilgerte auch an die anderen Schaffensorte Wagners, er sprach mit den wichtigsten Wagner-Forschern, Wagner-Interpreten, mit der Urenkelin Eva Wagner-Pasquier und einer der letzten Überlebenden des Mädchenorchesters von Auschwitz. Um am Ende mit Inbrunst zu postulieren, dass er sich seine Wagner-Leidenschaft nicht von diesem Mann mit dem Chaplin-Schnurrbart nehmen lässt.

Ein Muslim mit jüdischen Wurzeln

"Wagner & Me" ist ein Film, den man in Deutschland gesehen haben muss. Es ist so erfrischend, wie da jemand mit betont fremdem Blick in die hermetische Welt der Wagnerianer blickt. Wie er Wagner gegen sich selbst verteidigt. Und, ganz nebenbei, auch Interesse weckt bei allen, die nie etwas mit Wagner zu tun haben wollten. Der Film aber ist bislang, kaum zu glauben, nur in Neuseeland gezeigt werden, er wird bald im englischen Fernsehen laufen. An eine deutsche Auswertung aber ist bislang nicht gedacht. Das wird sich vielleicht ändern. Das 17. Jüdische Filmfestival hat den Film von Patrick McGrady jedenfalls für sich entdeckt und wird ihn heute als Highlight bei seiner Gala-Vorstellung im Potsdamer Hans-Otto-Theater (siehe Kasten) präsentieren.

"Wagner & Me" ist ein idealtypischer Film für dieses Festival. Weil es immer wieder gern Filme aufspürt, die provokative Themen aufgreifen, mit Lust durchspielen und ein jüdisches wie ein nicht-jüdisches Publikum gleichermaßen begeistern. Zu den weiteren Titeln, die ab morgen im Kino Arsenal zu sehen sind (die ersten Tage des Festivals fanden in Potsdam statt), zählt etwa der ebenfalls britische Beitrag "Alles koscher!" (Originaltitel: "The Infidel"), der am 30. Juni in die Kinos kommt und hier schon mal seine Deutschlandpremiere feiert. Hier macht ein streng gläubiger Moslem die Entdeckung, dass er in Wahrheit jüdischer Herkunft ist - was sein Leben und das seiner Mitmenschen auf den Kopf stellt. Die Hauptrolle ist dem britischen, aus dem Iran stammenden Stand-Up-Comedian Omid Djalili auf den Leib geschrieben: eine rabenschwarze, politisch höchst unkorrekte Komödie und ein hochaktuelles Plädoyer für religiöse Toleranz.

Es sei "ein gutes Jahr für den jüdischen Film", sagt die Festivalleiterin Nicola Galliner über das diesjährige Programm. Während im Vorjahr US-amerikanische Beiträgen dominierten, bieten in diesem Jahr starke Dokumentarfilme einen Schwerpunkt. "Being Jewish in France" etwa dokumentiert die Geschichte der Juden in Frankreich von der Dreyfus-Affäre bis zu jüngsten antisemitischen Vorfällen - und arbeitet, sehr spät, endlich die Deportation europäischer Juden unter dem nazi-treuen Vichy-Regime auf. "The Hangman" handelt von Shalom Nagar, jenem Mann, der einst der Henker von Adolf Eichmann war, danach unter einem "Eichmann-Trauma" litt und zum ultraorthodoxen Juden wurde, der sich zum rituellen Schächter ausbilden ließ. Es geht hier aber nicht nur um historische Aufarbeitungen. "My Champion" etwa porträtiert den 22-jährigen Israeli Merhav Moher, der beste Aussichten hat, Boxweltmeister zu werden, bis sich das Blatt kurz vor dem entscheidenden Kampf wendet. Und "Precious Life" behandelt ein Thema, das durch alle Medien ging: ein Israeli, dessen Sohn in Palästina gefallen war, spendet einem vier Monate alten Araberkind die Behandlungskosten für eine Rückenmarkstransplantation. Als Akt der Aussöhnung.

Zwölf Premieren und viele Gäste

Im Spielfilmbereich sind vor allem das israelische Bestsellerverfilmung "Gei oni" hervorzuheben, in der ein junges Paar vor den Pogromen in Russland flieht, und "Protektor", ein tschechischer Beitrag, der im von den Deutschen besetzten "Reichsprotektorat" spielt und in dem ein Tscheche sich den Nazis andient, um seine jüdische Frau zu schützen.

Und auch der typisch jüdische Humor darf natürlich nicht fehlen. Zu sehen sind erste Folgen der zweiten Staffel von "Arab Labor", eine schwarzhumorige TV-Serie über eine arabisch-israelische Familie im täglichen Kampf zwischen Anpassung und Abgrenzung. Und "The Office", die israelische Version der britischen Comedy-Serie, deren deutscher Ableger "Stromberg" heißt.

Zu den Filmen werden zahlreiche Gäste erwartet, so zeigt Dan Wolman, der Regisseur von "Gei oni", gleich noch einen zweiten Film, "Spoken with Love", eine sehr persönliche Familiengeschichte, die ihren Anfang im Berlin von 1936 nimmt. Der Boxer Merhav Mohar reist zu "My Champion" an, Masha und Yonathan stellen ihre Dokumentation "Amos Oz" über den bekanntesten Schriftsteller Israels vor. Und morgen gibt Mira Stroika, die angesagteste Cabaret-Entdeckung in New York, im Kino-Foyer des Arsenals ihr erstes Konzert in Deutschland. Als Auftakt der "Berliner Hälfte" des Festivals.

Galliner hat in diesem Jahr wieder ein buntes, spannendes Programm zusammengestellt, insgesamt 24 Filme, von denen die Hälfte Deutschlandpremieren und ein Viertel Berliner Uraufführungen sind. Und das, obwohl der Berliner Senat, im Gegensatz zum Vorjahr, keine öffentlichen Fördermittel mehr fließen lässt, und das Festival auch von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin schon länger nicht mehr unterstützt wird. Doch Nicola Galliner bleibt optimistisch, dass das 18. Festival im kommenden Jahr wieder stärker gefördert wird. "Die Hoffnung", sagt die Organisatorin mit leicht bitterem Unterton, "stirbt zuletzt".