Theater

Drei junge Autoren suchen ihren Einstieg

Ein Gartentisch. Vögel zwitschern, Baulärm hallt. In einer gelben Postkiste stapeln sich Kaffeetassen, es wird geraucht. Drei Dramatiker beugen sich über einen Theatertext. "Willst du die Zuschauer auf der Kante oder in der Lehne haben?" fragt John von Düffel die Autorin Rebecca Christine Schnyder.

Wie Benjamin Lauterbach und Anne Lepper ist sie für die Teilnahme am Dramatikerworkshop beim Stückemarkt des Theatertreffens ausgewählt. Mit verteilten Rollen haben sie die erste Szene gelesen. Nun sind Verbesserungsvorschläge gefragt für den Einstieg in das Stück: Eine Frau kehrt aus der Stadt in die Berge zurück und trifft dort auf ihren Kindheitsfreund. "Es ist schöner, nicht zu viel zu verraten", regt John von Düffel an. Sonst lehnen sich die Zuschauer im Sitz zurück, "und du hast gar nicht die Kunst des Zuhörens herausgefordert".

Vier Tage haben sie im Workshop für die gemeinsame Arbeit. Am ersten erstellten sie mit dem Regisseur Tilmann Köhler eine Strichfassung ihrer zum Stückemarkt eingereichten Texte, für die szenische Lesung vor Publikum. An diesem Vormittag diskutieren sie im Garten über noch unfertige Texte, wie den von Rebecca. "Ich könnte mir einen unvermittelteren Einstieg vorstellen", sagt Benjamin. Er hat am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert und ist damit ausgebildeter Autor, wie Anne, die das Literaturinstitut in Biel absolvierte. Die zurückhaltende 32-jährige mit der großen schwarzen Brille beschreibt, was ihr an Rebeccas Figurenkonstellation "Bergbauer - Stadtflüchtige" gut gefällt: "Er ist immer da, das ist für sie beruhigend." John von Düffel hört zu, wirft nur gelegentlich etwas ein. Seit 2004 leitet der Autor - und Dramaturg am Deutschen Theater in Berlin - den Dramatikerworkshop. Er sieht sich weniger als Lehrer der jungen Theaterautoren denn als erfahrenen Kollegen. "Koproduzieren, nicht kritisieren" lautet sein Motto.

Nach einer Stunde Debattieren liegen mehrere Zigarettenstummel auf dem Moos, von Mineralwasser steigen die Autoren auf Kaffee um. Seit fast zwei Wochen sind Anne, Benjamin und Rebecca schon auf dem Festival unterwegs, besuchen die zum Theatertreffen eingeladenen Inszenierungen, Publikumsgespräche oder Veranstaltungen der Nachwuchsplattform Internationales Forum. Die Zeit schweißt zusammen: "Bermudadreieck" werden sie von Festivalmitarbeitern genannt, weil sie immer gemeinsam unterwegs sind. "Wir wirken vermutlich etwas verschroben", sagt Anne. An diesem Abend gehen sie miteinander essen - statt noch eine Theaterinszenierung zu sehen. Benjamin wohnt in Berlin, aber Anne und Rebecca reisen heute wieder ab.

Das Eintauchen in den Theaterbetrieb finden alle drei so anstrengend wie lohnend. "Ich habe mich beworben, damit sich was in Bewegung setzt", sagt Rebecca, mit 25 die Jüngste. Mit angezogenen Beinen sitzt sie auf dem Gartenstuhl, ihr Mund so pink wie die Blüten hinter ihr. Wie die beiden anderen wünscht sie, sich mit ihren Texten am Theater zu etablieren. Aufgeführt zu werden. Und natürlich wollen sie einen der Stückemarkt-Preise gewinnen: den Förderpreis, der mit einer Uraufführung im Maxim Gorki Theater verbunden ist, den Werkauftrag für ein neues Stück oder die Umsetzung ihres Textes als Radiohörspiel.

Acht Autoren treten im Wettbewerb an, ausgewählt aus 350 Bewerbern - die drei Dramatiker aus dem Workshop und weitere fünf, deren Stücke in szenischer Einrichtung vorgestellt wurden. "Die Anderen" oder "das Hauptfeld" nennen Anne, Benjamin und Rebecca sie im Scherz. Es stört sie ein wenig, dass die fünf öffentlich mehr wahrgenommen werden, denn qualitativ sehen sie kaum Unterschiede. Auch die Auswahljury soll länger über die Zuordnung debattiert haben. Aber letztlich, was ist schon Erfolg? Vom Schreiben für das Theater kann kaum ein Autor leben, und ob man sich durchsetzt, ist auch dem aktuellen Geschmack unterworfen. Anne bleibt gelassen: "Ich schreibe Texte, die machen Theater, und es wäre schön, wenn das zusammenpasst."

Es passt: Anne Lepper gewinnt den mit 7000 Euro dotierten Werkauftrag. Rebecca jubelt, und Benjamin freut sich, dass die Jury das sperrige, mutige Stück "Hund wohin gehen wir" ausgezeichnet hat. Anne lässt darin Kinder über ihre Zukunftschancen räsonieren. In bildstarker Sprache verknüpft sie eine Christusgeschichte im Waisenhaus mit einem surrealen Revolutionsszenario. Zum Schluss fliegt die Welt in die Luft, "damit das ein Ende hat das Suchen nach einem besseren Ort". "Ihr Stück ist mehr als eine Talentprobe und macht Lust, ihre Stücke auf der Bühne zu sehen", lobt Lars-Ole Walburg, Intendant des Schauspiel Hannover, an dem das neue Werk 2012 uraufgeführt wird. Anne Lepper lächelt, sieht zu Boden und geht schnell wieder von der Bühne. Sie arbeitet lieber hinter den Kulissen, dort, wo man schreibt oder über Texte spricht - wie im Dramatikerworkshop.

Willst du die Zuschauer auf der Kante oder in der Lehne haben?

John von Düffel, Leiter des Dramatikerworkshops