Intendanten-Treffen

Die Oper - Fitnesscenter für den Kopf

In Berlin empfingen Kirsten Harms (Deutsche Oper) und Jürgen Flimm (Staatsoper) diesmal die Chefs der großen Opernhäuser. Seit 1957 tagt die deutschsprachige Opernkonferenz, der derzeit elf deutsche Häuser sowie Zürich und Wien angehören. Nach zwei Tagen ist zu resümieren: Den großen Häusern geht es besser, die kleineren brauchen mehr Hilfe. Volker Blech sprach nach der Opernkonferenz mit den beiden Gastgebern.

Berliner Morgenpost: Zuletzt war die Konferenz mit dem Schlachtruf "Bildung ist mehr als Ausbildung" in die Öffentlichkeit gegangen. Welches Motto steht am Ende dieser Zusammenkunft?

Kirsten Harms: Es gibt kein Motto, wobei wir uns immer den aktuellen Gegebenheiten zuwenden. Das Neue ist, dass die Opernkonferenz, die in den vergangenen Jahren immer eine verlängerte Krisenkonferenz über die Berliner Opernsituation war, in diesem Jahr viel Lob und Anerkennung für den Erfolg der drei Häuser aussprach. Insbesondere für die sensationell gestiegenen Zuschauerzahlen, die Einnahmerekorde und auch die politische Konsolidierung. Die Diskussion, ob Berlin drei Häuser braucht, ist zweifellos vom Tisch.

Jürgen Flimm: Und das Gespenst, dass die Probleme unter dem Dach der Opernstiftung nicht zu lösen seien, hat sich verflüchtigt. Jetzt erledigen wir drei Häuser alles auf dem kurzen Amtsweg.

Berliner Morgenpost: Gibt es unter den großen Häusern einen neuen Wackelkandidaten?

Flimm: Nein, im Moment gar keinen. Das haben wir mit großer Verwunderung festgestellt. Selbst die Stuttgarter, die sich vor der neuen grünen Landesregierung gefürchtet hatten, konnten feststellen, dass alles ganz normal weiterläuft. Es scheint mir im Moment, dass an der Opernfront etwas Ruhe eingezogen ist.

Harms: Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass im Moment wirklich gute Intendanten die Geschicke der Häuser leiten. Das ist eine neue Generation, die sehr wach in die Zukunft denkt.

Flimm: Vor zehn Jahren noch hatten wir große Probleme mit der Wahrnehmung, was machen Theater in einer Stadt überhaupt. Früher gab es immer einen großen Platz mit seinem Theater, und das war im Zentrum der Gesellschaft verankert. Zeitweilig schien es, als ob das Theater an den Rand gedrückt wird und an dessen Stelle ein großes Warenhaus hinkommt. Die Debatte über die Legitimation ist kleiner geworden - das Theater als Fitnesscenter für den Kopf hat seine Akzeptanz.

Harms: Es ist ein Kennzeichen unserer Zeit, vieles in Spektakel zu verwandeln. Aber es gibt die Gegenbewegung, gesellschaftlich relevante Themen im Kunstbereich zu behandeln. Dafür werden Theater geschätzt.

Berliner Morgenpost: Gibt es irgendeine internationale Entwicklung, die Ihnen Sorgen bereitet oder auch Hoffnungen weckt?

Flimm: Alle fragen einen immer, fährst du denn nun nach China?

Harms: In Japan ist es im Moment so, dass die Gastspiele wackeln. Aber wenn ich als Regisseurin beispielsweise Italien aus direkter Nähe mitbekomme, dann kann man nur sagen: Die deutsche Kulturlandschaft ist schon noch relativ stabil. Auf der anderen Seite mussten wir jetzt auch ein wichtiges Thema anschneiden: Die Politik verhandelt Tarifsteigerungen mit dem öffentlichen Dienst aus, die die Theater bezahlen müssen, gleichzeitig aber werden die Kostensteigerungen nicht erstattet. Bei jeder Kostensteigerung geraten die Häuser ins Schlingern. Das wird dann kompensiert durch Arbeitsplatzabbau. Das ist doch ein falscher Weg.

Berliner Morgenpost: Nennen Sie doch mal ein konkretes Problem, dass die deutschen Opernhäuser untereinander zu lösen hatten?

Flimm: Es wird immer unterschätzt, dass man überhaupt einmal zusammenhockt. Die Kollegen sind größtenteils offen und kooperationsbereit. Das war früher anders, da fühlten sich einige mehr als Hahn.

Berliner Morgenpost: Seit Jahren ist immer wieder die Rede davon, die Sängergagen zu deckeln.

Harms: Das machen die Castingleute.

Flimm: Ach, da wird immer viel zu viel Gewese drum gemacht.

Harms: Ich bin jetzt 16 Jahre als Intendantin dabei gewesen. Wichtig ist, dass einem viele Probleme, die man glaubt, alleine lösen zu müssen, plötzlich als kollektive Probleme erscheinen. Man wird als Intendant enorm gelassener.

Berliner Morgenpost: Worüber haben Sie denn nun geredet?

Harms: Es gab Gespräche über zukünftige Entwicklungen, über verwaltungstechnische Geschichten, Erfahrungen mit Systemen, die installiert wurden. Beispielsweise ging es um die Frequenz-Problematik.

Flimm: Wir haben in den Theatern ein reges Funksystem bis hinauf in den Schürboden. Nun hat die Bundesregierung neue Frequenzen versteigert und unsere Ausrüstungen sind dafür nicht geeignet. Das Problem der teuren Nachrüstungen können wir Intendanten aber nur beschreiben, verhandeln muss es der Deutsche Bühnenverein mit der Bundesregierung. Ihnen sagen, dass sie etwas von den vielen Euros abgeben sollen, die sie für die Frequenzen erhalten haben.

Harms: Beschlossen haben wir, dass die großen Opernhäuser Partnerschaften mit kleineren Theatern etwa in Thüringen schließen. Dass man Noten oder Dekorationen kostenlos ausleiht, oder dass eine talentierte Regieassistentin vom großen Haus ihre erste Regie am kleineren Haus macht.

Flimm: Es geht darum, wie wir dicken Schiffe den kleinen Kuttern helfen.

Berliner Morgenpost: Und wem helfen Ihre Häuser?

Harms: Die Entscheidung darüber habe ich meinem Nachfolger überlassen.

Flimms: Und wir haben gesagt, dass wir bereits ein Theater haben, das wir unterstützen: die Mailänder Scala. (lacht)

Berliner Morgenpost: Herrn Flimm, die Sanierung und damit Wiedereröffnung der Staatsoper Unter den Linden verzögert sich um ein Jahr. Wie haben Sie Ihren Kollegen das erklärt?

Flimm: Dass ein solches Volumen an Geld, wie wir alle irgendwie befürchtet hatten, nicht in drei Jahren zu verbauen ist. Und wenn es irgendwo einmal hakt, dann wird es sofort schwierig. Verschoben ist verschoben, was soll ich machen? Ich bin ja kein Baggerführer. Wir haben das Glück, dass wir das Schiller-Theater haben.