Kyoto Tagebuch

Eine Bar, Whiskey und Männer wie im Mafiafilm

Nirgends kann man reingucken. Cafes und Restaurants haben Türen aus Holz und keine Fenster. Falls doch, sind sie aus Milchglas. Jeder versteckt sich wo und wie er kann. Ich nehme mir vor, an diesem Tag mindestens drei Türen zu öffnen.

Die erste ist einfach. Ich schiebe den kurzen Vorhang zur Seite, die Tür auf und stehe mittendrin in einem dieser kleinen Lokale, die am Tag höchstens vier Stunden geöffnet haben und außer Nudelsuppe nichts verkaufen. Vor dem Tresen Stammgäste, hinter dem Tresen Mutter und Tochter, dampfendes Wasser in den Töpfen. In diesen Läden läuft immer ein Fernseher und heute sehe ich dort zum ersten Mal Nachrichten, in denen es nicht um die Katastrophe vom 11.März geht.

Stattdessen: Strauss-Kahn. Ein Zusammenschnitt seiner Karriere, schließlich das Hotel von außen. Er springt nackt aus einem Schrank, das Zimmermädchen schreit. Strauss-Kahn hüpft auf und ab, gezeichnet und ausradiert im Schritt. Ich wünsche, wenigstens die Suppe könnte lachen.

Die zweite Tür ist schon halb geöffnet und ein Versehen. Ein kleines Haus in einer herausgeputzten Straße, wir stehen davor und die Begleitung sagt: lass uns mal reingehen. An den Wänden hängen Kimonos, es gibt Tee und Kaffee, nirgends ein Mensch. Wir gehen durch einen Flur, Tatami-Matten, darauf ein Tisch, leere Tassen, wieder ein Flur, die Räume werden kleiner. Plötzlich ein Schrei, eine Dame, die auf uns zutippelt und ohne Unterlass redet. Offensichtlich sind wir durch den Hintereingang hereingekommen, sie kann sich kaum beruhigen und drängt uns eine Treppe hoch. Noch mehr Kimonos, noch mehr Treppen und wieder eine Tür. Frauen bei der Anprobe. Treppen. Nächste Tür. Stoffe, Garn. Dieses Haus findet kein Ende. Wir müssen die Köpfe einziehen, um ihr weiter nach oben zu folgen.

Im Dachstuhl vierzehn Webstühle und der Geruch aus einer anderen Zeit. Die Dame holt ihren Mann. Der freut sich über Besuch, er lacht, zeigt seine letzten fünf Zähne und setzt sich sofort an seinen Stuhl. Ist die Maschine alt? fragen wir. Nein, sagt er, die hat er erst vor vierzig Jahren gekauft. Hier werden nur Obis, also Kimonogürtel, gewebt und an diesem hier wird er insgesamt einen Monat arbeiten. Die Preise für seine Obis beginnen bei 1000 Euro. Für einen Kimono zahlt man gern mal 15 000 Euro oder mehr. Das ist nur einer der Gründe, warum es mit der ganzen Branche steil bergab geht.

Die dritte Tür am Abend ist die härteste. Ich laufe durch die Pontocho Dori, die Vergnügungsstraße schlechthin. Ein Lokal neben dem anderen, das sind mindestens 200 Türen. Die Straße ist schmal, voll und nur von Lampions beleuchtet. Aus einem Laden dringt Jazzmusik. Erschöpft stoße ich die Tür zum Hello Dolly auf, drei aufrechte Trinker, leere Holztische und Teppichboden. Ich weiß nicht, wie lange ich keine Bar mit Teppichboden gesehen habe. Der Barmann trägt ein weißes Hemd und eine bordeauxfarbene Fliege, dem Gesicht nach zu urteilen ist er vierzehn. Ich setze mich an den Tresen und stelle fest: Hier gibt es sie noch, Männer, die aussehen wie aus einem alten Mafiafilm und wahrscheinlich wirklich an der Spitze der Yakuza stehen. Das Haar ist perfekt geschnitten, die Brille getönt, der Anzug maßgeschneidert, das Feuerzeug schwer. Vor ihm steht ein Glas Whiskey. Manchmal streicht er sich mit zwei Fingern über die Stirn. Die äußerste Bewegung solcher Männer ist es, ihren Kopf auf die gefalteten Hände zu stützen. Sie haben Sorgen. Vielleicht laufen die Geschäfte schlecht, liegt die Mutter in den letzten Zügen, vielleicht sitzen sie im Vorstand von Tepco. Er steht auf und zieht sein linkes Bein nach. Im Hintergrund spielt die Jazzkapelle. Vor mir ein Glas Whiskey, länger gereift als der Barmann. Ich streiche mir mit zwei Fingern über die Stirn.

Die Schriftstellerin Lucy Fricke lebt in Berlin. Derzeit ist sie Stipendiatin des Goethe-Instituts in Kyoto. Sie schreibt wöchentlich über ihr Gastland.