Hommage

Der Schlager ist tot, es lebe der Schlager

Wer spricht denn noch vom Schlager. Selbst den Grand Prix nennen wir inzwischen Song Contest, da haben die Popsongs längst das klassische Chanson und dessen kleinen Halbbruder abgelöst.

Wer heute noch Schlager hört, der hat noch Butzenscheiben und Hirschgeweihe zuhaus und ist auch sonst von gestern. Der Schlager ist tot. Und doch, er ist noch quietschlebendig. Das beweist ein schräger Abend in der Bar jeder Vernunft.

Christoph Marti und Tobias Bonn, besser bekannt als die maskulinen zwei Drittel der Geschwister Pfister, haben die Pfisters einmal Pfisters sein lassen. Und schlüpfen in ganz andere Rollen. Sie sind bekennende Schlagerschnulzenliebhaber, auch in ihren früheren Programmen haben sie immer mal wieder das eine oder andere Liedgut eingebaut. Und das war es schon auch, aber halt doch nicht immer so ironisch, wie man's ihnen ausgelegt hat. Jetzt aber widmen sie einen ganzen Abend Peter Alexander und Mireille Mathieu: "Servus Peter - Oh là là Mireille".

Die Idee war schon geboren, als Alexander noch nicht gestorben war, wurde danach aber nicht mehr verworfen. Wieso auch: Es ist eine eigenwillige, aber liebevolle Hommage. Tobias Bonn wird zum Peter und führt durch den Abend wie in einer der typischen Peter-Alexander-Shows. Und Christoph Marti darf als Mireille Mathieu die Perücke schütteln, mutiert aber zwischendurch auch mal zu Heintje, Roy Black und Rex Gildo. Schlagerwahnsinn! Es ist, als wären wir zurück in den Siebziger Jahren.

Tobias Bonn ist hinter der Bühne der Kreative unter den Pfistern, steht auf der Bühne aber stets im Schatten der Rampensau Ursli. Als Peter Alexander darf er nun einmal beweisen, dass er als Sänger die bessere Stimme hat und als Darsteller die feineren Nuancen. Unglaublich, wie die beiden sich die Körpersprache und kleinen Ticks der Schlagerstars abgeguckt und verinnerlicht haben. Unglaublich auch, wie man diese nach gut 40 Jahren immer noch wieder erkennt.

Dabei gelingt dem Duo eine saftige Parodie, die dennoch nie zur Travestie gerät - und zweierlei bedient. Es gibt nicht wenige Zuschauer im platzvollen Spiegelzelt, die unreflektiert mitsingen und -klatschen. Andere aber verstehen auch all die feinen Brechungen und Überhöhungen, die weit über den Spatz von Avignon und die kleine Kneipe am Ende der Straße hinausweisen. Hier wird kabarettistisch vorgeführt, wie simpel, wie kumpelhaft und doch auch verkrampft Unterhaltung in den Siebzigern dargeboten wurde. Wie Stereotpyen bedient, auch: welche Geschlechterrollen und Image-Bilder da vorgelebt wurden, die auch immer wieder durchkreuzt sein wollten. Das sind Einsichten und Wahrheiten, die den Herzschmerz- und Tralala-Abend in höchste Metaebenen führen.

Bar jeder Vernunft Schaperstr. 24, Wilmersdorf. Tel. 883 15 82. Bis 19. Juni. Di-Sa 20 Uhr, So 19 Uhr.