Memoiren

Immer zu brav, immer zu scheu

Es ist schon so viel über sie geschrieben worden. Auch viel Falsches. Man hat sie oft missverstanden. Auch missverstehen wollen. Und immer die gleichen Fragen. Etwa die über das Alter. Und wenn sie die irgendwann nicht mehr beantworten wollte, dann hieß es: Sie mag nicht über ihr Alter reden.

Jetzt hat Hannelore Elsner mit 68 Jahren selbst über sich geschrieben. Und ist sichtlich nervös. Denn das ist eine echte, späte Premiere für sie. Sie schreibt gerne, Briefe etwa seitenlang. Aber ein Buch ist ein Novum. "Anfangs war das ein Schock", gesteht sie, "auch ein ambivalentes Gefühl: Hoffentlich liest das keiner." Jetzt ist sie freudig erregt.

Wir treffen sie im Kempinski. Da residiert sie immer, wenn sie in Berlin ist. Wohl eine Hommage an jene Zeit, als sie in dieser Stadt, am Theater am Kurfürstendamm, ein Jahr lang Theater gespielt und um die Ecke gewohnt hat, in der Uhlandstraße. Es war nicht leicht, dieses Treffen zu organisieren. Frau Elsner traut Presseagenten nicht recht, sie muss alles selber in die Hand nehmen. Irgendwann ruft sie die Journalisten dann einfach selber an, auf dem Handy, wenn sie schon nicht mehr damit rechnen, und auch dann muss erst noch ein genauer Termin gefunden werden. Denn Entscheidungen, das gibt sie offen zu, in ihrem Buch wie im persönlichen Gespräch, Entscheidungen sind für sie das Grässlichste.

Wir haben es dennoch irgendwie geschafft, uns zu verabreden. Sie ist auch gar nicht so unpünktlich, wie man das nach der Lektüre ihrer Memoiren annehmen müsste. Und es gibt ja sowieso mindestens zwei Hannelore Elsners, die eine, die am Telefon etwas hilflos, wenn nicht verzweifelt ihre Termine zu koordinieren versucht, und die andere, die einem charmant und selbstbewusst entgegen tritt und sich viel Zeit für das Gespräch nimmt.

Sie ist ja aber auch Anwältin in eigener Sache, diesmal. Es gilt keinen Film zu promoten, in dem sie "nur" mitspielt. Obwohl, den gibt es schon auch, "Das Blaue vom Himmel" heißt er, er startet am 2. Juni und sie spielt darin eine demente Frau, die ganz in der Vergangenheit lebt und den Bezug zur Realität verliert. Dass der Film und das Buch so zeitnah erscheinen, das war so nicht geplant, das findet sie auch etwas unglücklich.

Eigener Rhythmus, eigene Melodie

Kann man sich, frage ich, als Schauspieler hinter seinen Rollen leichter verbergen? Ist man angreifbarer, verletzlicher, wenn man nun ein eigenes Buch vor-, wenn man sich selbst ausstellt? Naive Frage. Triumphierendes Lachen. "Na hören Sie, ich werde mein ganzes Leben lang falsch verstanden. Ich werde dauernd angegriffen." Man könne sich auch nicht hinter Figuren verstecken. Im Gegenteil: "In Rollen traut man sich viel mehr. Ich als Hannelore traue mich gar nichts. Ich habe schon solche Angst vor noch so jeder kleinen Talkshow." Und doch öffnet sie sich jetzt. Weil sie es sowieso satt hat, wie über sie geschrieben wird. "All diese Verkürzungen in der Presse. Da dachte ich: Dann schreib ich das mal selbst."

Den Plan gab es schon lange. Vor acht Jahren hat sie sich hingesetzt und die ersten 20 Seiten verfasst. Aber immer mal wieder ein Kapitelchen abschließen und dann einen neuen Film drehen, das ging eben nicht. Sie musste sich eine regelrechte Auszeit nehmen, auch von Zuhause, musste an einen neutralen Ort, in eine kleine Pension ziehen. Und sich ganz auf das Projekt einlassen. Der Verlag hat ihr einen Ghostwriter angeboten, der ihre Erinnerungen sortiert, womöglich auch dramatisiert. Das hat sie vehement abgelehnt. "Die haben das überhaupt nicht verstanden: Ich hatte doch gar kein Interesse daran, dass eine Autobiographie von mir erscheint. Wenn, dann hat mich interessiert, dass ich das schreibe. Dass musste dann ganz von mir sein. Meine Sprache. Mein Rhythmus. Mein Ausdruck."

Das Buch ist seit gestern auf dem Markt, am 8. Juni folgt das Hörbuch, das sie natürlich selbst aufgenommen hat und in dem ihre Melodik dann noch besser zum Ausdruck kommen wird. Dabei mag sie gar keine Autobiographien. Das Wort sei so verdorben, schimpft sie, jeder denke dabei doch an vorhersehbare Versatzstücke: Die hat dies und das gemacht, diesen und jenen Promi kennen gelernt und soundsoviele Preise bekommen. Das interessiert sie alles nicht. Und das schildert sie dann auch - ungewöhnlich genug für Memoiren, zumal wenn sie "Im Überschwang" betitelt sind - nur kurz. Die wichtigsten Filme, die Traumrollen von der "Kommissarin" bis zur "Unberührbaren" - gerade mal angerissen. Eine Introspektion in die deutsche Filmindustrie - geschenkt. Das Schauspielen verstand sie lange Zeit sowieso nur als Broterwerb, das hat sie nur als Übergang gesehen. Nein, es geht mehr um die unbekannten Seiten der Hannelore Elsner, mehr um die junge Hanni als die spätere, weithin bekannte Schauspielerin.

Den Großteil des Buches nehmen ihre allerersten Jahre ein. Die Familie, der Bruder, der im Krieg einen unsinnigen Tod starb; die Mutter, die nach dem Krieg ständig arbeiten musste, die Großmutter, die ihr zum Ersatz wurde. Das Mädchen mit den hervorstehenden Eckzähnen, das sich immer als hässliches Entlein gesehen hat. Und von einem Internat ins andere musste. Ein Jungmädchenschicksal, in dem sich viele wiederfinden, mit dem sich viele identifizieren werden. Dabei wollte sie es ursprünglich auch belassen, höchstens noch bis zu ihrer Entdeckung als Schauspielern erzählen. Und wirklich lesen sich die späteren Passagen kürzer und nicht mehr so lustvoll beschrieben.

Stolz auf ihr Alter

Auch wer glaubt, "seine" Hannelore Elsner zu kennen, dürfte wieder und wieder überrascht werden: Es gibt da dieses dauernde Eingeständnis. Sie sei zu scheu, zu brav. Das liest man immer wieder. Da werden verstohlene Berührungen mit anderen Mädchen angedeutet, Küsse zu dritt, auch eine Beinahe-Ménage à trois. Lauter Dinge, die sich angeboten haben, vor denen sie aber immer wieder zurückgeschreckt ist. Überhaupt erzählt sie recht offen von ihrer Sexualität, ihren Männern. Von ihrem ersten Freund, Fritz, von ihren Partnern Alf Brustellin und Bernd Eichinger. Nur einer wird kaum genannt und wenn, dann nur als "Der Andere": Dieter Wedel. Wäre er nicht zufällig der Vater ihres vergötterten Kindes Dominik, sie hätte ihn wohl gar nicht erwähnt. "Ich habe nichts beschönigt, das kann ich nicht", gibt sie offen zu. "Was ich nicht schreiben wollte, habe ich einfach weggelassen."

Sie schreibt auch viel von schönen Kleidern und der Sucht, sie haben zu müssen. Eine gewisse Eitelkeit schimmert immer wieder durch. Und eine überraschende Beobachtung: Sie hasst diese Koketterie, dieses Flirtgehabe, das sie immer an ihrer Mutter beobachtet hat. Dabei, pardon, macht sie das heute selbst, spielt sie trotz ihres Alters - das sie nie verleugnet, sondern mit Stolz im Gesicht trägt - stets mit einer gewissen jungmädchenhaften Koketterie. Im Grunde sei sie, sagt sie, ja immer noch eine 18-Jährige. Und guckt einen dabei mit einem so unschuldigen Augen-Blick an, das man einfach nicht widersprechen kann.

Nun ist es da, das Buch. Es war wie eine Geburt. Schwer. Aber auch schön. Sie weiß nicht, ob es die Wahrheit ist. Aber es ist ihre Wahrheit. Und, das ist ihr ganz wichtig: "Ich habe nicht zurückgeblickt, ich habe in mein Leben hineingeblickt." Schlaglichtartig hat sie einzelne, besondere Momente erzählt, wie Filmsequenzen. "Ein-Bildung, ein schönes Wort", meint sie. "Man hat ein Bild in sich, das ist da. Und das ist dann auch wahr."

Hannelore Elsner : Im Überschwang. Aus meinem Leben. Kiepenheuer & Witsch, 256 Seiten, 19,99 Euro.